#1

Miles, Berlin

Berlin, DeutschlandBronze-Status

Hallo Liebe Community,

ich überlege schon seit sehr langen Jahren hin und her – und wieder hin und her - und komme nie auf eine Lösung die mich zufrieden stellt.

Es
geht um die Entscheidung der Berufsausübung:
Ich habe Jahre damit verbracht Pro- und Contra-Listen von den verschiedensten Berufen zu erstellen, die zurzeit existieren.
Ich habe Seiten um Seiten darüber geschrieben was mir an bestimmten Berufen gefällt, was meine Stärken und Schwächen sind.
Ich habe sowohl persönliche Beratungen als auch mehrere Berufsberatungen besucht.
Ich habe etliche Berufstest/Persönlichkeitstest/Studiuminteressentests absolviert.
Ich habe mehrere Praktika hinter mir.
Ich habe so einige Jobs hinter mir.

-Und trotzdem sitze ich fast jeden Tag an der Frage „Wo will ich arbeiten? Und vor allem als was möchte ich arbeiten?“

Dieses ewige Rumdenken über diese Frage nervt mich, es macht mich wütend und es raubt mir die Zeit.

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Deshalb hoffe ich darauf, dass ihr mir helfen könnt. Damit das Ganze auch funktioniert gibt es kurz etwas zu mir:

Ich bin 25 Jahre alt, habe direkt nach dem Abitur 5 Jahre in irgendwelchen Vorlesungsräumen verbracht → Ich habe 3 mal mein Studium gewechselt von Amerikanistik, zu Lehramt, bis hin zu Angewandte Informatik (letzter Studiengang). Ich h
abe aus diesen 5 Jahren insgesamt 25LP gesammelt (ja aus allen 3 Studiengängen – das ist ungefähr das 1 Semester gerade mal). Ich saß immer in den Vorlesungen/Seminaren hab aber selten an Klausuren teilgenommen und wollte die ganzen Gruppenarbeiten nicht machen. Dann habe ich mein Studium abgebrochen und absolviere jetzt eine Ausbildung als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung und bin hoffentlich Sommer 2021 fertig.

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Warum ich bezüglich meines jetzigen Berufes so skeptisch bin:
Ich bin spielsüchtig (nicht Glücksspiel
e, sondern „Gaming Disorder“). Ich habe 5 Jahre meines Lebens damit verbracht von der Uni nach Hause zu kommen und pro Tag mehr als 8 Stunden aktiv Spiele zu spielen, Konsolenspiele, MMORPGS, MOBAs, etc. . In den Semesterferien (3 Monate) habe ich durchweg mehr als 16 Stunden ohne Pause gespielt, fast jeden Tag. Es ist eine Sucht die mich aufgefressen hat, ich habe alles andere vernachlässigt. Daraus resultierte: Depression, Angststörungen, Suizidgedanken. Ich habe mich im letzten Jahr sehr stark isoliert, habe seit 2 Jahren keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen außerhalb der Familie gehabt. Ich habe 5 Jahre meines Lebens verschwendet, ich habe Bafög-Schulden auf mich genommen und am Ende nichts erreicht. Ich habe meine Familie angelogen, meine Familie war in der Erwartung das ich meinen Bachelor-Abschluss kriegen würde, erst als sie unbedingt bei der Abschlussfeier teilnehmen wollten und mir gesagt haben, dass sie mich hinfahren werden, erst da habe ich meiner Familie einen Tag vorher gesagt, dass es keinen Bachelor-Abschluss geben wird, es war eine Katastrophe aber vielleicht hätte ich ihnen nichts gesagt, wenn sie nicht unbedingt darauf bestanden hätten dabei zu sein. Ich habe alles verdrängt was nur irgendwie möglich war, es war eine extrem schlimme und schwierige Zeit für mich.

Ich habe auf den letzten Drücker schnell eine Ausbildung angefangen, damit zumindest ein kleiner Teil der Zeit/des Geldes/der Energie dieser 5 Jahre nicht für völlig umsonst war.

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Was hat das alles jetzt mit dem Beruf des Fachinformatikers zu tun? - Dazu gleich mehr.

Davor würde ich gerne meine Wünsche, meine Einstellung zum Berufsleben erklären. Ich weiß zwar nicht was ich beruflich machen möchte, ich habe aber eine gute Vorstellung davon was ich nicht machen möchte.

Ich möchte nicht viel. Ich möchte insofern nicht viel, weil es mir nicht mehr darum geht etwas bestimmtes zu erreichen. Was mir wichtig ist: Ruhe.
Ich möchte nicht das große Geld machen.
Ich möchte nichts großartiges besitzen (Haus, Auto, etc.).
Ich möchte keine Familie gründen.
Ich möchte nicht die Karriereleiter hinaufklettern.
Ich möchte keinen hohen „sozialen Status“ erlangen.
Ich will kein Mensch mit „Ansehen“ oder „Berühmtheit“ sein.
Ich möchte nicht meine Zeit mit irgendwelchen Hobbies verbringen.
Ich möchte mich nicht „selbst verwirklichen“.
Mir geht es nicht darum etwas zu erleben.
Mir geht es nicht darum die Welt zu bereisen.
Mir geht es nicht Gutes zu tun.
Ich möchte keinen Stress.

Alles was ich will ist Ruhe, kein Stress, kein Hetzen, keinen Druck.
Ich möchte einen ruhigen, geregelten Alltag haben.
Ich will nicht unendlich viele Überstunden für Kundenprojekte machen.
Ich will mich nicht von Firma zu Firma hangeln.
Ich möchte nicht einen befristeten Vertrag nach dem anderen haben.

Ich möchte nicht jeden Tag mit neuen Aufgaben konfrontiert werden.
Ich möchte keine Führungsposition übernehmen.

Ich möchte nicht soviel mit Kunden zu tun haben.
Ich möchte nicht jeden Tag in Meetings sitzen und mich immer wieder verantworten müssen.
Ich will Ruhe, ich will das man mich einfach in Ruhe meine Arbeit in der Ecke machen lässt.

Ich will das man mir nicht mehr über die Schulter guckt und alle paar Tage fragt wie weit das Projekt ist.
Ich will keinen Konkurrenzdruck.
Ich will mich nicht immer wieder beweisen müssen.

Ich verlange nicht viel. Ich habe keinen „hohen Lebensstandard“ den es zu erhalten gilt. Ich habe keine Lebensplanung die viel Geld erfordert, ich bin bereit für den Mindestlohn zu arbeiten, dass heißt aber nicht, dass ich „Goldschmied“, oder „Hausmeister“ werden muss… aber alles was ich will ist einfach nur Ruhe. Ich möchte um 8 Uhr da sein und um 16 Uhr pünktlich gehen, ohne das jemand mich schief anguckt, ohne das ich Abends wieder E-Mails lesen muss. Ich möchte keinen stressigen Job, ich möchte nach 16 Uhr die Arbeit vergessen.

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Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade der Beruf des Fachinformatikers vielen meiner „Forderungen“ nicht entspricht. Ich habe einfach Angst wieder in die Spielsucht zu rutschen, gerade weil man als Fachinformatiker sich privat viel weiterbilden muss und das ist für mich auch immer ein Risiko → lieber wieder ein Spiel zu starten, anstatt mich weiterzubilden und die ganzen Ereignisse wiederholen sich, ich gehe nicht mehr zur Arbeit, verheimliche alles und es führt zu einer Katastrophe. Ich möchte mich eigentlich von der Technik zurückziehen, ich finde das der Computer und mein Smartphone mein Leben „vergiften“, ich bin kein Mensch der damit umgehen kann und z.B die Sucht regulieren kann (nur 2 Stunden am Tag spielen) ich kann das einfach nicht und ich will das auch nicht regulieren, ich möchte komplett fernbleiben davon.

Mir ist bewusst das diese Forderungen „utopisch“ sind und so ein Job nie existiert wird, weil man einfach immer irgendwo Kompromisse eingehen muss, ich will aber das diese „Kompromisse“ so niedrig wie möglich sind.

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Berufe/Wege die (aus meiner Sicht) nicht funktionieren werden:
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Mein Lebenslauf ist holprig darüber brauchen wir gar nicht diskutieren, jeder halbwegs normale Mensch in der Personalabteilung, wird drei mal überlegen ob er mich zum Vorstellungsgespräch einladen wird. Zudem kann ich diese 5 Jahre auch nicht wirklich begründen, bzw. kommt so etwas wie „ich war spielsüchtig“ nie gut an.

-Ein Bachelor Studium kommt für mich nicht mehr in Frage, d
as kann ich mir finanziell/zeitlich nicht mehr leisten (kein Anspruch auf Bafög mehr) zudem habe weder ich, noch andere Vertrauen in mir, dass mein Studium gut gehen kann, nach allem was passiert ist. Ich hatte 5 Jahre Zeit etwas zu tun, ich hatte mehrere Versuche, aber das reicht mir dann auch, nochmal gehe ich nicht an eine Uni.

-Ein Dual Studium ist im Bereich der Informatik nicht möglich. Dieser besteht aus dem Bachelor-Abschluss und dem IHK Abschluss zum Fachinformatiker → da ich diesen schon haben werde, ist ein Dual Studium überflüssig. Zudem ist das Risiko extrem groß, denn wenn ich hier das Dual Studium (welches mir die Firma finanziert) nicht schaffe und wieder abbreche bedeutet dies, dass ich alles zurückzahlen muss und dieses Risiko will ich auf keinen Fall eingehen.

-Eine Zweitausbildung vor allem im Öffentlichen Dienst ist sehr unwahrscheinlich, denn der Öffentliche Dienst ist verpflichtet immer Bewerber zu priorisieren die noch keine Ausbildung abgeschlossen haben, Ausbildungsplätze werden immer zuerst an Schulabgänger verteilt, die noch keine Erstausbildung haben, sollte es tatsächlich überhaupt keine Bewerber geben die darunter fallen, werden Leute priorisiert die den Ausbildungsberuf wechseln etc. und sollte sich wirklich
auch hierunter niemand befinden, aber auch niemand anderes tatsächlich beworben haben, ja erst dann werden die Bewerber eingeladen die eine Zweitausbildung machen möchten. Seien wir ehrlich, im Öffentlichen Dienst wird das nie der Fall sein, da es denen an Bewerbungen nicht mangelt.

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Gleiches Prozedere gilt auch für Großfirmen/Konzerne.

-Sozialer Bereich/Pflege
Ich bin auf keinen Fall jemand der im sozialen Bereich tätig sein könnte. Ich würde mir wünschen es zu sein, weil ich in diesen Tätigkeiten so etwas wie eine „Bedeutung“ und einen „Nutzen“ sehe, aber ich bringe weder die nötige Zwischenmenschlichkeit mit, noch bin ich jemand der ein starkes Selbstbewusstsein hat und fest im Leben steht um Menschen zu helfen, die in Notlagen sind.

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Das alles, alles was ich jetzt zusammengefasst habe, das alles schränkt die Auswahl eines Berufes nach meinen „Forderungen“ extrem ein. Sehr oft denke ich, dass eigentlich der Fachinformatiker das einzig mögliche ist, dann fallen mir allerdings wieder diese 5 Jahre ein und wie mich das alles fertig gemacht hat...


Das war ein sehr langer Text und ich hoffe wirklich, dass es jemanden gibt der mir da vielleicht weiterhelfen kann, weil ich so sehr unentschlossen bin und einfach nicht mehr weiter weiß.

Vielen Dank.

#2

Rufus, Berlin

Berlin, DeutschlandSilber-Status

Lieber Miles, 

dass du deinen Werdegang und deine "Probleme" hier so offenkundig darlegst beweist, wie verzweifelt du in deiner Situation bist. Ich habe selbst in meinem näheren Bekanntenkreis jemanden, der nicht so richtig weiß wohin mit sich. 

 

Meiner Meinung nach ist das Problem heutzutage die Auswahl, die jedes Individuum hat. Früher gab es A) nicht so viele Berufe wie heute und 😎 musste man schnell Geld verdienen durch weniger soziale Unterstützung. 

 

Vielleicht solltest du einfach ins kalte Wasser springen und etwas tun, worauf du spontan Lust hast, etwas, wobei dir dein Bauchgefühl sagt "Das ist das richtige". Wenn es das ist, umso besser. Wenn nicht, probier dich aus solange du kannst. Auch wenn dir ein total banaler Gedanke kommt, verfolge ihn. Vielleicht führt er dich am Ende zum Ziel.

 

Setz dir ein großes Ziel, das du verfolgen willst und richte jede kleine Entscheidung danach aus. Das hilft mir zumindest, den Fokus zu bewahren. 

Alles Gute für Dich und Deine Zukunft. 

#3

Rufus, Berlin

Berlin, DeutschlandSilber-Status

Der 😎 Smiley war unbeabsichtigt und sollte einfach nur Punkt B sein 

#4

Miles, Berlin

Berlin, DeutschlandBronze-Status

Lieber Rufus,

vielen Dank für deinen Ratschlag, ich habe auch schon überlegt einfach "drauf los" Dinge auszuprobieren und das habe ich auch wirklich genügend gemacht. Ich habe meine Lieblingsfächer studiert, ich habe Praktikas in den Bereichen absolviert die mich interessiert haben. Ich saß in 3 verschiedenen Studiengängen und habe darüber hinaus etliche Vorlesungen/Seminare/Kurse aus den verschiedensten Studiengängen besucht die es gab, selbst Studiengänge die mich eigentlich gar nicht so wirklich interessiert haben.

Ich bin schon aus dieser "Probier-Phase" raus und habe ehrlich gesagt auch nicht mehr den Nerv dafür immer wieder neue Dinge auszuprobieren, zumal mir auch nichts mehr einfällt. Ich habe nicht wirklich ein Hobby, ich habe auch nichts was mich wirklich interessiert oder wo ich sagen würde "Ja genau das möchte ich tun", ja eine Berufung mit sozialem Charakter wäre sinnvoll, aber wie schon erwähnt ich bin einfach nicht die Person dafür und kann mir das auch nicht zumuten. Ich habe auch eine Zeit lang komplett eine Auszeit genommen und wirklich nur gejobbt ohne zur Schule/Uni zu gehen, oder einen Beruf auszuüben, das hat mir ebenso nichts gebracht. Ich gehe von A nach G nach Y nach F und habe keine Beständigkeit und keine Routine mehr in meinem Leben. Mein Lebenslauf ist eine einzige Katastrophe.

Mir ging es früher mal (also vor Ewigkeiten) um Selbstverwirklichung und den ganzen Quatsch, jetzt geht es mir aber wirklich nur noch darum bis zu meiner Rente einfach nur Ruhe zu haben, nach etwas anderem Suche ich gar nicht mehr, ich habe solche Anforderungen nicht, alles worum es mir geht ist ein stressfreier, druckfreier Job.

#5

Miles, Berlin

Berlin, DeutschlandBronze-Status

Hat niemand bisher gleiche Erfahrungen gemacht?

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