Straßenbahnfahrer

Lokomotivführer gehört zu den Berufen, der den Kindheitstraum vieler Menschen repräsentieren dürfte. Straßenbahnfahrer bewegen sich ebenso auf Schienen, jedoch in der Regel im innerstädtischen Verkehr. Der hier erzählende Straßenbahnfahrer gibt Einblicke in den Ablauf seines Betriebes, in den Umgang mit Fahrgästen und vor welchen Herausforderungen er steht, wenn er im Dienst seine Notdurft verrichten möchte.

Das Interview findet mittags nach Ende seiner Schicht im einfach gehaltenen Aufenthaltsraum des Betriebs neben den Umzugskabinen statt, wo einige Fahrer sitzen, um miteinander zu reden, Zeitung zu lesen oder in Ruhe ihr mitgebrachtes Essen einzunehmen. Er ist Anfang vierzig, ledig und besitzt zwei Hunde. Sein kurpfälzischer Dialekt ist unverkennbar.

  Ich bin im Jahre 1986 Straßenbahnfahrer geworden. Mein Onkel riet mir damals dazu, zur Straßenbahn zu gehen, da man dort sauber hingehe und sauber wieder nach Hause käme. Ich bin dann mal bei einem Nachtdienst mitgefahren und schaute mir den Job genau an. Ich war 23 Jahre alt und sie wollten mich zuerst nicht nehmen, weil ich zu jung war. Damals lag die Altersbeschränkung noch bei circa 24 oder 25 Jahren und man brauchte einen IIIer oder IVer Führerschein, sowie eine abgeschlossene Berufs­ausbildung. Mich nahmen sie aber dennoch, was durch Beziehungen zu Stande kam. Durch das Führungszeugnis meines ersten Arbeitgebers war man mit mir sehr zufrieden. Das brachte mir ebenso Vorteile. Mir macht die Arbeit immer noch großen Spaß und ich bereue die Berufswahl nicht. Ich springe auch jederzeit ein, wenn ein Fahrer gebraucht wird, obwohl ich auf­grund des ständigen Sitzens bereits eine Bandscheibenoperation hinter mir habe.

An meinem Beruf erfreut mich einerseits der Umgang mit den Menschen und andererseits generell das Fahren, egal mit welchem Gefährt. Ich fahre unglaublich gerne, auch im Bus - und ich bekomme die Fahrten ja sogar bezahlt. Aber das Straßenbahnfahren ist eine schwere Sache: Das Bremsen muss gelernt sein. Jeder kann die Kurbel bedienen oder den Fahrschalter, aber nicht jeder kann bremsen oder auch anfahren. Denn man muss bei­spielsweise aufpassen, dass die alten Menschen in der Bahn nicht umkippen.

In der Ausbildung habe ich so viel Mist lernen müssen, über den man hinterher, wenn man das erste Mal alleine gefahren ist, nur noch lachen kann. Das waren Sachen, die ich nach der Ausbildung nie wieder gebraucht habe. So mussten wir zum Beispiel alle Haltestellen lernen. In der Prüfung musste ich Haltestellen vorwärts und rückwärts aufsagen - und ich wusste gar nicht, welche Linie als nächstes dran kam. Heute lache ich darüber. Schließlich lernt man diese doch eh später, wenn man mit der Bahn auch wirklich fährt. Von einem uralten Straßenbahnfahrer, der hier noch in der Gegend wohnt, habe ich viel gelernt, anders als in der Ausbildung, bei der man heute im Schnellverfahren von allem ein bisschen durchnimmt. Ich hatte noch eine lange Ausbildung inklusive Lehrfahrten; vieles davon gibt es heute nicht mehr. Die Ausbildung ist ja mit Kosten verbunden.

Verspätungen

Auf einer Straßenbahnlinie habe ich an der Endstelle vierzig Minuten Pause, komme dort aber erst mit zehn Minuten Verspätung an. Wenn ich mir dann in der Kantine etwas zu essen holen möchte, stehen mir dort bereits alle Büroarbeiter vor der Nase und ich vom Fahrdienst stehe hinten an. Ich be­komme mein Essen so spät, dass ich meine Wurst auf dem Weg zurück zur Straßenbahn essen muss. Auf einer anderen Linie komme ich ebenfalls meist mit Verspätung an der Endstelle an und hätte dort dann eigentlich Pause. Ich darf aber nur, weil sich die Anwohner dauernd beschweren, mit maximal 7 km/h in die Endstelle einfahren, da es sonst zu laut wäre. Die Pause kann ich wieder nicht nehmen, da an der Endstelle bereits die nächsten Fahrgäste einsteigen. Ich kann noch nicht mal auf Toilette gehen, da man eine Straßenbahn nicht alleine lassen darf und ich darüber hinaus ständig am Funk bleiben muss. Man hat für nichts Zeit und manchmal muss ich die Wendeschleife sofort wieder verlassen, weil eine nachfolgende Bahn auch Verspätung hat. Das geht schon an die Nerven, und wenn man die nicht hat, sollte man diesen Job lieber bleiben lassen. Solchen Leuten würde ich nie empfehlen, Straßenbahn zu fahren.

Neulich war ich in einer anderen Stadt, dort gab es für die Straßenbahnen nur grüne Welle, während man in meiner Stadt an jeder roten Ampel aufgrund irgendeiner Sperrung stehenbleiben muss. Manchmal geht das auf der ganzen Strecke so und dann fragen sich die Leute, warum „diese blöden Fahrer" andauernd Verspätung haben. Jetzt wollen sie im Spätverkehr eine Bahn weniger fahren lassen. Weil sich der Nachtverkehr dadurch direkt an die Spätfahrten anschließt, bedeutet das für uns, dass wir zwischen diesen zwei Fahrten nun keine Pause mehr haben.

Gefahren und Herausforderungen

Mit einer etwas älteren Straßenbahn von zweiundzwanzig Tonnen Leergewicht kann es mir passieren, dass ich an einer Haltestelle bremse und kurz bevor die Straßenbahn zum Stehen kommt, diese einen Satz nach vorne macht und sich nicht anhalten lässt - das ist wie Glatteis. Aus diesem Grund haben wir Sand in den Straßenbahnen, den wir ablassen können, um Haftung zu kriegen. Viele Leute wissen jedoch nicht um die Gefahr, dass wir nicht immer so leicht bremsen können und gerade die zentrale Umstiegshaltestelle in der Stadt gleicht einem Hühnerhof. Wenn wir dort nicht aufpassen, würde jeden Tag ein Mensch unter die Straßenbahn geraten. Diese acht Stunden Konzentration oder auch der geteilte Dienst, das heißt ich fahre morgens ein paar Runden, habe dann vier bis fünf Stunden Pause und muss abends nochmal fahren, kann mich schon fertig machen, denn man ist quasi von morgens bis abends im Verkehr. Es kann auch sein, dass ich an einem Tag einen Dienst bis halb neun abends habe und am nächsten Tag morgens um sieben Uhr schon wieder die nächste Fahrt antreten muss. Als ich das dem Betriebsarzt erzählt habe, zu dem ich als Straßenbahnfahrer alle drei Jahre muss, fragte er mich nur, warum mir das denn was ausmachen würde, denn die anderen kämen damit ja auch zurecht. Und wenn ich mit solchen Problemen zum Betriebsrat gehe, sagt man mir nur, ich solle doch froh sein, dass ich Arbeit habe. Ich habe in zwanzig Jahren nicht einmal etwas Auffälliges wie eine Krankheit gehabt und den Dienst immer gerne gemacht. Und dann solche Antworten.

Fahrgäste

Es ist wahnsinnig, wie stark die Fahrgastzahlen zugenommen haben. Daher fahren morgens vier Straßenbahnen im kurzen Abstand hintereinander. Die Fahrgäste steigen aber alle in die erste Bahn ein, sodass diese dann extrem voll sind und die letzten beiden leer hinterher fahren. Mittags nach der Schule gegen eins fahren mit uns die Schüler - das sind extrem viele - abends hingegen ist das Publikum eher gemischt. Wenn man aus einem bestimmten Viertel kommt, sind auch viele Ausländer unter den Fahrgästen. Da habe ich nichts dagegen, solange sie mich in Ruhe lassen und sich anständig benehmen.

Die Fahrzeiten in der Straßenbahn sind oft länger als erwartet, denn es dauert zum Beispiel immer eine Weile, bis eine ältere Dame in eine alte Straßenbahn hineingekommen ist. Eigentlich versuche ich ihnen ja zu helfen, aber mittlerweile frage ich vorher immer nach, da ich bei meinem Versuch, zu helfen, des Öfteren angeschrien wurde. Einige Leute wollen nicht, dass man sie anfasst oder ihnen hilft. Es gibt zwar auch modernere Straßenbahnen, bei denen man eine Rampe ausfahren kann, aber auch das geht nur an gekennzeichneten Haltestellen. Auf einer meiner Linien sind das gerade mal fünf. Wenn dort jemand mit einem Rollstuhl an einer rampen­gerechten Haltestelle einsteigt und an einer anderen Haltestelle aussteigen will, an der das nicht geht, dann habe ich ein Problem. Manchmal muss ich ihnen dann einfach sagen, dass die Rollstuhlrampe kaputt ist - und dann tun diese Menschen mir leid.

Eine Frau wollte mal mit meiner Linie fahren, war aber an der Haltestelle zu faul, zu meiner Bahn zu laufen, sondern hat vorne gewartet. Ich bin dann durchgefahren, da ich einen Haufen Verspätung hatte. Sie ist dann mit einer anderen Linie hinterher gefahren, ist an der nächsten Haltestelle aus­gestiegen, zu meiner Straßenbahn gerannt und wollte mich beschimpfen. Da habe ich sie gefragt, warum sie nun auf einmal rennen kann und das an der vorhergehenden Haltestelle nicht konnte. Sie hat nicht aufgehört gegen mich zu wettern und hatte eine wahnsinnige Wut. Man darf den Fahrgästen in solchen Situationen ...

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