Sekretärin im Hotel

Bezeichnungen für den Berufsnamen der „Sekretärin" gibt es viele. So ist in vielen Unternehmen unter „Team-Assistentin" oder „Assistentin der Geschäftsleitung" der gleiche Beruf gemeint. Es gibt auch negative Be­zeichnungen wie zum Beispiel „Tippse" oder „Mädchen für Alles". Hier berichtet eine Sekretärin, die ursprünglich im Bankgewerbe tätig war, diese Tätigkeit für eine Mutterschaftspause aufgab und danach als Sekretärin in das Berufsleben wiedereinstieg. Und obwohl sie eigentlich gerne einen anderen Beruf ausüben würde, glaubt sie nicht daran, in ihrem fort­geschrittenen Alter noch an einen neuen Job zu kommen.

Sie ist Ende fünfzig, geschieden und hat drei erwachsene Kinder. Sie arbeitet in einem Hotel, das als Familienbetrieb geführt wird und circa fünfzig Mitarbeiter beschäftigt. Circa ein Drittel davon sind Aushilfskräfte. 

Die Entscheidung zu diesem Beruf zu kommen wurde mir abgenommen, da man mir die Stelle anbot. Ich bin eigentlich gelernte Bankkauffrau. Nach dem Ende meiner Schulzeit lernte ich meinen ehemaligen Mann kennen, der mit seinem Studium gerade fertig war. Ich hatte damals in etwa die Vorstellung, dass eine Bank etwas mit „viel Geld" zu tun hat, was natürlich nicht stimmt. Aber damals war ich noch sehr jung und so kam es, dass ich mich für die Banklehre entschied. Nachdem ich meine Bankprüfung abgelegt hatte, übrigens am Tag der Geburt meines ersten Kindes, habe ich dort für fünfzehn Jahre zu arbeiten begonnen. Mir hat diese Arbeit Freude bereitet, da ich viel mit Menschen zu tun hatte. Als ich noch zwei weitere Kinder zur Welt brachte, habe ich mich einige Zeit lang meiner Mutter­pflicht gewidmet und hatte damit alle Hände voll zu tun. Als die Kinder älter waren, regte sich bei mir wieder der Wunsch, mein eigenes Geld zu ver­dienen und etwas mit Menschen zu tun zu haben. Ich bin dann über eine Fort­bildungsmaßnahme des Arbeitsamtes wieder in die Berufswelt eingegliedert worden und arbeitete eine kurze Zeit als Schulsekretärin, da dort dringend übergangsweise eine Vertretung für eine Mitarbeiterin benötigt wurde. Diesen Job hätte ich wahnsinnig gerne fortgesetzt, aber die ursprüngliche Stelleninhaberin ist leider wieder zurückgekommen. Also war ich erneut arbeitssuchend und schließlich wurde mir mein heutiger Job angeboten. Ich hätte damals nicht gedacht, dass ich dort so lange bleiben würde. Ich arbeite dort nämlich mittlerweile im dreizehnten Jahr.

Mein derzeitiger Beruf ist eigentlich nicht mein Traumjob, da ich dort relativ wenig mit Menschen zu tun habe, indem ich vollkommen abgeschieden in einem Büro mit meinen beiden Chefinnen sitze. Aber ab einem gewissen Alter ist es nicht so einfach, noch etwas anderes zu finden, das einem vielleicht besser gefällt. Somit absolviere ich mehr recht als schlecht, mit mehr oder weniger Freude jeden Vormittag vier Stunden lang meinen Dienst. Es kann sein, dass man in anderen Sparten als Sekretärin mehr mit Menschen zu tun hat, aber in einem Hotel, dort arbeite ich, ist das nicht der Fall. Für den Personenverkehr sind bei uns nämlich die Hotelfachleute zuständig, während ich mich eher mit der Personalbuchhaltung beschäftige, und das, obwohl ich eigentlich als Sekretärin angestellt bin. Das Rechnungs­wesen und alle anderen Buchungen, die in einem Hotel zum Beispiel mit den Kunden anfallen, fallen in meinen Zuständigkeitsbereich. Und das ist eine Menge. Dazu kommt der Wareneinkauf, Speisekarten schreiben usw.. Eigentlich könnte man sagen, dass ich als eine Art „Mädchen für Alles" arbeite, also auch in Bereichen, die nicht direkt mit dem Buchungs­wesen zusammenhängen.

Zusätzlich zu meinem Halbtagsjob gebe ich noch Malkurse, denn von dem einen Job kann ich nicht leben. Für mich wäre ein Ganztagsjob daher wesentlich effektiver, allein wegen meiner Rente. Leider ist in diesem Haus für eine Sekretärin auf Ganztagsbasis nicht genug Arbeit vorhanden, sodass ich gar keine Chance habe, dort länger zu arbeiten. Ich könnte natürlich, wenn ich gemütlicher arbeiten würde, diese Zeit ein wenig strecken, aber das ist schließlich nicht erwünscht.

Verhältnis zur Chefin

Die schwierigsten Herausforderungen in meinem Beruf sind die Launen der Chefin, denn es ist ja bekannt, dass „ein Chef immer Recht hat". Er kann auch diejenigen Launen ausleben, bei denen mir dasselbe nicht gestattet wäre. Aber diese Situation muss man akzeptieren. Wäre ich Chef, würde ich einiges anders machen, da ich ein völlig anderer Mensch bin. Ich verstehe natürlich, dass man, wenn man heutzutage mit einem mittelständischen Be­trieb überleben will, knallhart durchgreifen muss und zwar auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Wer von denen nicht funktioniert, muss gehen. Das betrifft natürlich nicht nur die eigenen Mitarbeiter, sondern auch die Handwerker, mit denen man ständig zu tun hat, denn in einem Hotel geht ja auch immer mal wieder etwas kaputt. Und letztlich auch gegenüber den Lieferanten. Wenn man dieses Prinzip tagtäglich durchziehen muss, dann kann ich mir gut vorstellen, dass man abgehärtet wird. Viele der Mitarbeiter des Hotels, die vorzeitig ihren Job aufgeben mussten, wurden einfach den hohen Anforderungen, die das Hotel an sie stellte, nicht gerecht - wenn auch nur vermeintlich nicht gerecht.

Meine Chefin fragt natürlich nicht immer, ob ich die Arbeit, die sie mir aufträgt, auch schaffe. Es ist zwar nur ein Halbtagsjob, aber eine gewisse Menge an Arbeit ist vorhanden und muss erledigt werden, wie, ist egal. Dann kommt es eben auch mal vor, dass ich länger bleiben muss, um die wichtige Arbeit zu erledigen. Dafür habe ich aber Verständnis. Da aber in der heutigen Zeit immer mehr Personal eingespart wird, bekommt man immer mehr von verschiedenen Seiten aufs Auge gedrückt.

Umstellung auf Computer

Andererseits muss ich auch sagen, dass sich in der Zeit, die ich dort arbeite, einige technische Entwicklungen vollzogen haben, welche die Arbeit sehr erleichtern. Durch die zahlreichen Computerprogramme, die ja auch selbst immer schneller werden, vereinfacht sich die Arbeit enorm. Das hat na­türlich auch zur Folge, dass viele Arbeiten extrem rationalisiert werden. Als ich anfing, hatte ich bestimmte Möglichkeiten noch gar nicht. Es ist eben alles sehr schnelllebig heutzutage, im Guten, wie auch im Schlechten.

Meine Arbeit als Bankkauffrau beendete ich gerade zu dem Zeitpunkt, als die Computer in die Büros Einzug hielten. Das bedeutet, dass meine Arbeit damals überhaupt kein Vergleich ist zu der, die eine Bankkauffrau heute erledigt. Es wurde früher alles manuell gemacht und vor allem wurde, das hat sich ganz eklatant verändert, am Schalter mit dem Kunden geredet und man nahm sich noch Zeit für sie. Zu dieser Zeit gingen die Leute noch in die Bank, um sich am Schalter ein wenig mit den Leuten zu unterhalten und ihre Lebensgeschichten auszutauschen. Das machen viele Menschen ja heute noch, wenn sie zum Arzt gehen. Früher erfüllte aber die Bank eine ähnliche Funktion. Heute muss man seine Finanzangelegenheiten selber in die Hand nehmen, alles am Automaten und möglichst wenig am Schalter machen.

Ich hatte Zeit, mich langsam einzuarbeiten, denn die Computer waren ja nicht mit einem Mal da. Dies entwickelte sich erst. Wir hatten damals, das weiß ich noch, in der Bankbuchhaltung eine EDV-Anlage. Sie nahm ein ganzes Zimmer ein und produzierte einen riesigen Krach. Es war un­glaublich heiß in diesem Zimmer. Der Mann, der diese EDV-Anlage bediente, war eine Art Halbgott für uns. Die anderen Mitarbeiter saßen hingegen vor ihrer Schreibmaschine und am Jahresende wurde ein manueller Jahresabschluss gemacht. Man hatte acht Tage Urlaubssperre, um von Hand den Jahresabschluss abzuwickeln - von jedem einzelnen Konto. Da musste alles stimmen, denn am ersten Januar bekamen die Kunden pünktlich auf ihrem Sparkonto die Zinsen gutgeschrieben. Ähnlich ist es im Büro, denke ich. Eine Sekretärin hatte damals wohl noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Es reichte nicht, nur ein paar Briefe zu tippen. In einem anderen Betrieb, mag die Chefsekretärin vielleicht auch heute die Kunden em­pfangen, aber in einem Hotel ist das nicht der Fall.

Als ich nach meiner Pause wieder anfing zu arbeiten, hatte ich mit Computern noch nie etwas zu tun gehabt. Daher bekam ich zunächst vom Arbeitsamt einen entsprechenden Kurs finanziert und habe nochmals vier Monate an einer Schule verbracht, denn ohne Computerkenntnisse kann man als Sekretärin heutzutage nicht arbeiten. Die wichtigsten Grundlagen, also elektronische Textverarbeitung und Tabellenkalkulationsprogramme muss man beherrschen. Ich muss ehrlich sagen, dass mir dieser Kurs viel Spaß machte, da ich ein wenig in die Schulzeit zurückversetzt wurde, mit allen Aufregungen, Prüfungen usw. Der Einstieg in den Beruf machte mir dementsprechend auch Spaß, da ich dort das Gelernte umsetzen konnte. Ich musste darüber hinaus auch noch einen Englischkurs belegen, um meine Sprachkenntnisse mal wieder etwas aufzufrischen.

Rationalisierung und Niedriglohnarbeit

In der Firma, in der ich arbeite, wird an allen Ecken und Enden gespart. Wir hatten beispielsweise lange Jahre einen Küchenchef, der sehr teuer bezahlt wurde. Er ging vor eineinhalb Jahren und die Firma regelte es so, dass es keinen Küchenchef mehr gibt, sondern nur noch Küchenhilfen. Die Wochenkarte unseres Bistros schreibe seitdem ich, das heißt die Küchen­hilfen müssen das kochen, was ich ihnen vorschlage. Das hat natürlich mit der Arbeit einer Sekretärin nicht mehr viel zu tun. Ich suche mir dazu die Rezepte aus meinen Kochbüchern zusammen und kopiere sie. Es ist dann Aufgabe der Küchenhilfen, das zu kochen.

Auf ähnliche Weise wird überall gespart. Den Wareneinkauf hat früher der Küchenchef erledigt. Er hat selber im Kühlhaus nachgeschaut, was benötigt wird und mit den Lieferanten verhandelt. Heute macht das die Chefin selber. Früher wurde jemand mit einem Arbeitsvertrag angestellt und es war für die Firma recht schwierig, ihn wieder loszuwerden. Daraufhin wurden zunächst Zeitverträge über ein Jahr angefertigt, die später auf ein halbes Jahr reduziert wurden und wenn heute jemand in der Firma angestellt wird, erhält er sogar nur noch einen Zeitvertrag über ein viertel Jahr. So ist es natürlich sehr leicht, jemanden wieder zu entlassen. Es wird überdies nicht mehr so sehr darauf geachtet, dass für alle Aufgaben Fachkräfte eingesetzt werden, sondern man greift des Öfteren auf Hilfskräfte zurück.

Die Spülfrauen in der Küche und auch die Zimmerfrauen sind eigentlicher immer Ausländerinnen. Eine Zeit lang hatten wir nur ausländische Mitarbeiter, was sich inzwischen aber geändert hat, da die Leute in einem Hotel mit Restaurant einen anständigen Service haben wollen. Im Bistro nimmt man daher mittlerweile weniger Ausländer, aber im Spülbereich und auch unter den Köchen hat sich das nicht geändert. Diese ausländischen Mitarbeiter kommen aber weniger aus Polen, sondern aus Russland. Das liegt vielleicht daran, dass viele Weißrussen in meine Stadt gekommen sind, aber so genau weiß ich das nicht. Früher waren ja in der Gastronomie hauptsächlich die Jugoslawen und die Italiener gut angesehen. Wenn bei uns eine Spülfrau oder ein Spülmann auf dem Arbeitsamt gesucht wird, be­kommen wir relativ viele Leute zu einem Vorstellungsgespräch geschickt. Aber Deutsche wollen diese Arbeit gar nicht machen. Selbst denjenigen Deutschen, die keine gute Ausbildung genossen haben, fällt beim Arbeitsamt immer etwas ein, warum sie auf keinen Fall Spülkraft werden wollen. Eine deutsche Spülfrau zu finden ist sozusagen ...

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