Individuelle Schwerbehindertenbetreuung

Für viele Zivildienstleistende im Pflegebereich ist es nur schwer vorstellbar, diese Tätigkeit auch nach dem Staatsdienst noch freiwillig weiter auszuüben. Dieser Mann hat genau dies getan, nachdem ihn seine Ausbildung nicht zufrieden stellen konnte und er sein Studium nicht abschloß. Er räumt hier mit einigen Vorurteilen auf, demnach ein Beruf im Pflegebereich automatisch mit warmer, mitmenschlicher Begegnung verbunden sei. Vielmehr glaubt er, dass sich der Kontakt zu schwerbehinderten Menschen häufig auf ein Minimum reduziert, denn die Arbeit sei für beide Seiten meist eher „Mittel zum Zweck": Für die Behinderten sei der Betreuer meist nur ein Ersatz für Beine und Hände, für den Pfleger sei die Arbeit schlicht und einfach Broterwerb.

Dieser Betreuer ist Mitte dreißig, ledig ohne Kinder und seit dreieinhalb Jahren in diesem Beruf tätig. Das Gespräch findet in der Küche seiner gemütlichen, kleinen Wohnung, einer zweier-Wohngemeinschaft, statt. Es ist eine Wohnung mit vielen kleinen Improvisationen, um den vorhanden Platz in bester Weise zu nutzen.

 

Zu meinem Beruf in der Schwerbehindertenbetreuung bin ich durch meinen Zivildienst gekommen, den ich um das Jahr 1988 herum absolvierte. Ich arbeitete schon damals in diesem Verein und betreue nun mittlerweile sogar wieder dieselben Menschen wie damals. Daher war ich bereits mit der Arbeit vertraut. Ich sagte mir damals, nach dem Ende des Zivildienstes, dass ich so etwas nie wieder machen würde, weil ich den Dienst als sehr schwierig empfand. Es war für mich nicht einfach, behinderte Menschen waschen und pflegen zu müssen. Deshalb begann ich nach dem Zivildienst zunächst ein Physikstudium, welches ich aber leider nicht ganz zu Ende gebracht und anstatt dessen eine Ausbildung in der Krankengymnastik abgeschlossen habe. Mich plagte im Anschluss an diese Ausbildung die Frage, wieso mir mein erlernter Beruf, der des Physiotherapeuten, keinen Spaß macht. Nach drei Jahren hatte ich daher die Nase voll und bin zunächst ein halbes Jahr nach Spanien gegangen, um es mir dort gut gehen zu lassen.

Nach meiner Rückkehr war mir klar, dass ich keine Lust mehr hatte, im Bereich der Krankengymnastik zu arbeiten. Meine Befürchtungen waren, dass ich in meiner eigenen Praxis zu spät komme, die Patienten warten müssten oder mir sogar Fehler unterlaufen. Also beschloss ich, in meiner Heimatstadt nicht mehr als Physiotherapeut zu arbeiten, sondern als irgendetwas anderes - und sei es als Brötchenverkäufer. Noch am selben Tag kam ich an meiner alten Zivildienststelle vorbei und erfuhr, dass für diese wieder eine Kraft gesucht wurde. In diesem Moment war mir klar, welchen Weg ich gehen werde. Ich habe einen Freund, der eine ähnliche Tätigkeit bei einem anderen Verein ausübt und habe ihn immer schon darum beneidet, dass er über seine Zeit frei verfügen kann. Dies trug mit dazu bei, dass ich mich für diesen Job entschied.

Für die Zivildienstleistenden und die ergänzenden Helfer werden in dem Wohnheim Zimmer zu Verfügung gestellt. Letztere sind in der Regel keine ausgebildeten Pfleger. Früher wurde diese Arbeit hauptsächlich von den Zivildienstleistenden erledigt, welche aber mittlerweile immer mehr weg­fallen. Daher wird immer mehr fest angestelltes Personal benötigt. Man braucht dafür zwar keine richtige Ausbildung, aber es wird vom Personal erwartet, dass man gut mit Menschen und Stress umgehen kann und nicht durchdreht, wenn man mehrere Tage am Stück ein und dieselbe Person betreuen muss. Darüber hinaus sollte man bereits Erfahrung in dem Bereich mitbringen, entweder als Zivildienstleistender oder als jemand, der auf irgend eine Art und Weise schon mal mit der Pflege oder Ähnlichem zu tun hatte. Dann kommt es zu einem Vorstellungsgespräch und es wird aus­gelotet, ob man als Pfleger geeignet ist. Es folgen meist einige Tage Probearbeit, aber meistens passen die neuen Pfleger in ihren Beruf.

Etwas andere Arbeitszeiten und Zeiteinteilen

Als Pfleger wohnt man insgesamt vier Tage am Stück in der Woche in einem Wohnheim und erledigt dort alle anfallenden Aufgaben. Für diese vier Tage werden mir insgesamt achtzig Stunden Arbeitszeit angerechnet und weil ich relativ lange am Stück arbeite, bekomme ich im Anschluss zwölf Tage Freizeitausgleich. Das bedeutet, dass ich im Schnitt zwei mal vier Tage im Monat arbeite. Das entspricht, wenn man es umrechnet, in etwa der Arbeitszeit, die man in einem Vollzeitjob hat. Mein Vorteil ist, dass ich keine täglichen An- und Abfahrtszeiten habe und dadurch eine Menge Zeit spare. Häufig wird mir gesagt, dass ich, weil ich im Schnitt zweiundzwanzig Tage im Monat frei habe, in dieser Zeit etwas Sinnvolles machen sollte, zum Beispiel einer weiteren Arbeit nachgehen. Allerdings arbeite ich im Endeffekt, wie ich schon sagte, genauso viel wie ein jeder andere Arbeiter und hinzu kommt, dass ich während der eingesetzten Tage rund um die Uhr für die Behinderten zur Verfügung stehen muss. Ich arbeite auf Abruf und es kommt nicht selten vor, dass der Mann, den ich betreue, sich an jedem dieser vier Tage abends auswärts aufhält. Wenn er wiederkommt, muss ich ihn ins Bett bringen. Nachts um vier muss er vielleicht auf die Toilette und nicht selten bin ...

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