Reiseverkehrskauffrau

Reiseverkehrskauffrauen haben den Vorteil, dass sie sich mit dem, was andere Menschen nur im Urlaub erleben, laufend in ihrem Berufsleben beschäftigen. Darüber hinaus ist es üblich, neben den Privatreisen auch Seminarreisen zu unternehmen, um über mögliche Ziele bestens auf dem Laufenden zu sein und Kontakte persönlich zu pflegen. Diese Reiseverkehrskauffrau hat sich für ihren Beruf speziell aus diesen Gründen entschieden. Allerdings ist nicht alles Gold was glänzt und der Beruf bringt, wie sie uns in diesem Interview verdeutlicht, viel Stress mit sich. Die Konkurrenz im Internet wächst und die Branche muss versuchen, sich durch einen guten Service gegenüber den Billigangeboten zu behaupten.

Die hier erzählende Reiseverkehrskauffrau ist Mitte zwanzig und arbeitet im Reisebüro ihrer Schwester. Das Büro hat zwei Beratungsplätze, ist keiner Kette zugehörig und ist an einem zentralen Verkehrsschnittpunkt einer Stadt gelegen. Das Gespräch musste im Vorfeld ein paar Mal verschoben werden, weil stets zu viel Betrieb war. Auch am Tag des Interviews ist herrscht Hochbetrieb: Kunden im Geschäft und eine Vielzahl Anrufe, die vorüber­gehend von der Schwester bedient werden.

  Meinen Beruf habe ich über meine Schwester kennengelernt, da sie bereits als Reiseverkehrskauffrau arbeitete und ich oft mitbekam, wie sie unterwegs war und verschiedene Länder bereiste. Das hat mich davon überzeugt, dass auch mir dieser Beruf Spaß machen würde. Irgendwann habe ich selbst ein Prak­tikum in der Branche über mehrere Wochen absolviert, was mich in meiner Motivation diesen Beruf auch wirklich dauerhaft ausüben zu wollen, bestätigte. Ich erkannte, dass dieser Beruf viel mit Kommunikation zu tun hat und dies fand ich in Verbindung mit dem Reisen sehr spannend. Auch meine Schwester hatte schon immer denselben Berufswunsch, was sich wohl auf mich übertragen hat. Zunächst hatte ich überlegt, Touristik zu studieren, was sich aber nicht ergab, da ich kurzentschlossen in dem Reisebüro meiner Schwester anfing und sich meine Ausbildung sonst in die Länge gezogen hätte. Bis heute macht mir der Beruf sehr viel Spaß. Meine Schwester und ich arbeiten in demselben Reisebüro. Sie besitzt es bereits seit sieben Jahren, während ich seit etwa fünf Jahren dort arbeite.

Mich reizt die Vorstellung des Reisens und durch meinen Beruf bin ich stets informiert über die aktuellen Entwicklungen in der Branche, was mir sehr gut gefällt. Darüber hinaus war es mir bei meiner Berufswahl wichtig, dass ich viel mit Menschen zusammenarbeiten kann und auch dies kann mir die Tourismusbranche bieten. Es gehört zu meiner Aufgabe, den Menschen be­stimmte Ziele zu empfehlen. Auf diese Weise kann ich mich stets mit vielen Menschen austauschen. Ich erfahre, was sie selbst auf ihren bisherigen Rei­sen erlebt haben, was ebenfalls ein sehr interessanter Aspekt ist.

Arbeitsalltag

Während meines Arbeitstages habe ich viel mit Anfragen zu tun, die uns telefonisch oder via E‑Mail erreichen und die wir bearbeiten müssen. Darüber hinaus muss ich mich um die Kunden kümmern, die unser Reisebüro vor Ort aufsuchen und eine Beratung wünschen. Manchmal muss ich versuchen, bestimmte Flüge genau zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bekommen, obwohl sie eigentlich schon ausgebucht sind. Um dies zu er­reichen muss ich viel mit den Airlines telefonieren. Bei Rundreisen haben wir es auch mit größeren Gruppen zu tun und es gibt bei uns gerade eine Gruppe von etwa neunzig Leuten, die im Januar nach Mallorca reisen will. Dazu muss ich mit vielen Hotels und Veranstaltern telefonieren, um all dies zur gleichen Zeit zu organisieren und darüber hinaus darauf zu achten, den günstigsten Preis zu ergattern. Nebenbei muss ich noch Kunden beraten und Rechnungen schreiben. Zu Zeiten, bei denen wir viel Arbeit haben, fallen viele unterschiedliche Arbeitsaufgaben gleichzeitig an und es geht mitunter sehr chaotisch zu. Schließlich werden wir oft bei der Bearbeitung unserer Arbeiten durch Anrufe unterbrochen, weil Kunden erfahren möchten, wie weit die Bearbeitung ihres Auftrags ist oder ob wir schon ein passendes Angebot für sie gefunden hätten.

In solchen Fällen kann es problematisch sein, die Kunden auf später zu vertrösten, daher versuche ich stets, Aufträge schnell zu bearbeiten, um dem Ruf gerecht zu werden, dass wir im Reisebüro die Reise so gestalten können, wie es der Kunde möchte. Diese Zuverlässigkeit ist das, was wir den Kunden geben müssen. Dies ist oft schwierig, weil wir nicht selten nur zu zweit im Reisebüro arbeiten. Wir haben viele Kunden aus weiterer Entfernung, mit denen wir den Auftrag nur telefonisch abwickeln können. Dann kann es etwas schwer werden, gleichzeitig die vor Ort in das Geschäft kommenden Kunden unter einen Hut zu bekommen. Der Stress ist dabei nicht das Schlim­mste und manchmal müssen die Kunden eben auch warten, bis eine Beratung beendet ist. Es ist aber problematisch, eine persönliche Beratung im Geschäft ständig durch hereinkommende Telefongespräche unterbrechen zu müssen. Ich kann aber einen Kunden, der mich aus Hamburg anruft und unbedingt einen speziellen Flug buchen möchte, nicht ignorieren. In den meisten Fällen kommen wir damit aber klar und oft haben die Kunden Verständnis, weil sie von uns auch mit viel Geduld beraten werden, um sich in Ruhe ihren Urlaub auszusuchen.

Ich denke, dass wir uns oft mehr als nötig unter Druck setzen, weil es unser Ziel ist, dem Kunden möglichst alle Wünsche zu erfüllen. Meistens ist der Montag und der Freitag besonders stressig. Auch in den Zeiten der Som­merferien ist viel los und wir haben es nicht selten mit Kunden zu tun, die schon in zehn anderen Büros waren und darüber hinaus im Internet gesucht haben, jedoch nicht fündig geworden sind. So etwas merke ich sehr schnell und diese Kundschaft zu bedienen kann sehr fordernd sein.

Reisen

Unsere Kunden haben mir schon öfters von den faszinierenden Rundreisen erzählt, die sie selbst durch eine bei uns gebuchte Reise erlebt haben. Allerdings haben einige auch traurige Geschichten erzählt, zum Beispiel über die Armut, die sie in einem fernen Land gesehen haben. Wir erhalten solches Feedback fast immer. Viele unserer Kunden lieben die exotischen Reiseziele, so zum Beispiel jener Kunde, der in einer Ecke von Indien Ur­laub gemacht hat, in der es fast keine anderen Touristen gab. Obwohl er nicht viele Orte in Indien bereiste, hatte er so dennoch einiges von dem Land gesehen und viel mit den Menschen vor Ort zu tun gehabt. Das muss eine sehr interessante Erfahrung gewesen sein, denn die Menschen dort leben nicht nach europäischem Standard und haben eine ganze andere Lebens­weise. Sie leben offenbar sehr ursprünglich und haben nicht viel Besitz, sind aber dennoch glücklich.

Dadurch, dass ich in einem Reisebüro arbeite, reise ich selbst auch sehr viel und schauen uns vor Ort Hotels an. Im Dezember beispielsweise werde ich nach Afrika reisen und werde wohl auch eine Nacht „im Busch" schlafen. Dies sind Erlebnisse, die ich in Erinnerung behalte und die ich dem Kunden später mitgeben kann, wodurch deren Interesse für diese Orte manchmal erst geweckt wird. Wenn sie dann selbst eine Reise dorthin unternehmen, eröffnet das mir im Nachhinein wiederum die Möglichkeit, mit ihnen Reiseerfahrungen auszutauschen. Ich kann die Reisen der Menschen auf diese Weise sehr gut nachvollziehen und verreise quasi durch ihre Er­zählungen mit ihnen. Das passiert auch schon vor der Reise, wenn ich mit dem Kunden den Urlaub plane, da ich mir schon zu diesem Zeitpunkt die Reise bildlich vorstelle.

Mein schönstes Urlaubserlebnis war ...

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