Psychologische Psychotherapeutin

Diese psychologische Psychotherapeutin arbeitet hauptberuflich in einer Rehaklinik, nebenberuflich als privat niedergelassene Psychotherapeutin. Sie erzählt neben Ihrem Berufsweg und anfänglicher Schwierigkeiten der Anerkennung eines ausländischen Studienabschlusses über die Arbeit als Therapeutin und von Vorurteilen, mit denen ihr Menschen hin und wieder begegnen. Auch klärt sie über Verwechslungen von Begrifflichkeiten auf, die gemeinhin im Zusammenhang der Psychologie und Psychotherapie ent¬stehen. Weil sie vor hat, hauptberuflich in eigener Praxis zu arbeiten, ergänzt sie ihre Ausführungen mit den Herausforderungen, vor denen grün-dungswillige Psychotherapeuten im derzeitigen Gesundheitssystem stehen.

Sie ist Mitte dreißig, ledig und besitzt die namibische sowie deutsche Staatsbürgerschaft. Das Gespräch findet in Ihrer Privatpraxis statt, deren Räumlichkeiten sie sich mit anderen Therapeuten teilt. Ihr Behandlungsraum ist freundlich, hell und in warmen Farbtönen eingerichtet ist. Statt wie sonst eher zuzuhören, ist jetzt die Rolle umgedreht und die Psychotherapeutin erzählt von sich ...

Als deutschstämmige Namibierin studierte ich in Südafrika, das im südlichen Afrika die erste Anlaufstelle zum Studieren ist. Mich interessierte erst das Fach Jura, weshalb ich dieses Studium aufnahm, obwohl ein Test in der Schule, der meine Talente ausfindig machen sollte, bereits damals feststellte, dass eigentlich Psychologie das richtige Fach für mich wäre. Nach einem Jahr merkte ich, dass mir Jura überhaupt nicht liegt, weshalb ich das Studium abbrach und ein kurzes Praktikum im Bereich der Sprach­therapie und Audiologie aufnahm. Die kommenden zwei Jahre studierte ich diese zwei Fächer auch an der Universität, was für mich einen völligen Neubeginn bedeutete.

Zu dieser Zeit besuchte ich bereits einige Psychologie-Vorlesungen, da sie ein Teil meines Studiums waren, und ich merkte so nach und nach, dass ich wohl eher Psychologie studieren wollte. Daher wechselte ich mein Studien­fach abermals und schloss ihn erfolgreich in Südafrika ab. Es ist sicherlich etwas Wahres an der Tatsache, dass viele Menschen Psychologie studieren, in der Hoffnung, sich selbst zu therapieren. Aber es gibt auch viele Menschen, die Psychologie studieren, weil sie sich einfach für psycho­logische Themen interessieren oder, wie es auch Studien belegen, schon in ihrer Kindheit bestimmte Helfer-Rollen eingenommen haben. Bei mir war es das Interesse an der Arbeit und der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun. Die viele Selbsterfahrung, die gewissermaßen ein Nebenprodukt der Ausbildung zur Psychotherapeutin ist, ist sicherlich auch eine tolle Sache. Sie hilft mir, dauerhaft Spaß am Beruf zu haben und mich selbst weiterzuentwickeln.

Mein Ziel war es, danach nach England zu gehen, wo ich ein Aufbaustudium für die Psychotherapie aufnehmen wollte. Es dauerte aber ein Jahr bis ich Zeit hatte, nach England zu gehen, da ich in der Zwischenzeit in Deutschland arbeitete, um an einer Sprachschule als freiberuflicher Mit­arbeiter für die Fächer Englisch und Deutsch ein wenig Geld zu verdienen. Leider stellte sich aber im Laufe der Zeit heraus, dass ich in England gar keine Möglichkeit sah, als Psychotherapeutin  zu arbeiten, da ich dort eine ziemlich lange Praktikumszeit hätte absolvieren müssen, bevor ich überhaupt in das Programm der Weiterbildung zur Psychotherapeutin aufgenommen worden wäre. Das aber war mir viel zu teuer und es war überdies ungewiss, ob ich überhaupt in das Programm hineingekommen wäre, weshalb ich zunächst einmal länger als geplant in Deutschland an der Sprachschule arbeitete. Es stellte sich für mich die Frage, wie ich mich mit meinem südafrikanischen Studienabschluss in das deutsche Bildungssystem einfinden könnte. Ich schrieb verschiedene Universitäten an, die meinen Abschluss aber gerade mal als Vordiplom einstuften, sodass ich in Deutsch­land das gesamte Hauptstudium hätte wiederholen müssen. Darauf hatte ich selbstverständlich überhaupt keine Lust.

In der darauf folgenden Zeit erkundigte ich mich bei unterschiedlichen Kultusministerien, wie mein Studium aus Südafrika in Deutschland einzustufen sei. Erst nach einem längeren Hin und Her und nachdem mir ein Professor aus Südafrika ein Schreiben über den Inhalt meines Studiums ausgestellt hatte, erkannte das Kultusministerium in Nordrhein-Westfalen meinen Abschluss als gleichwertig zu einem deutschen Abschluss an. Auch in Hessen kümmerte ich mich um die Anerkennung des Abschlusses, da ich nicht mehr in Nordrhein-Westfalen wohnte. Das hessische Kultus­ministerium wollte meinen Abschluss nicht anerkennen, weshalb ich mich daraufhin an einem Ausbildungsinstitut in Rheinland-Pfalz bewarb. Ich dachte mir, dass es, wenn mein Studium in NRW anerkannt würde, doch möglich sein müsse, auch in anderen Bundesländern eine Anerkennung zu erhalten. So kam es schließlich auch und nachdem mein Studium in Rheinland-Pfalz anerkannt worden war, begann ich dort meine Weiter­bildung zur Psychotherapeutin. Das war ein großer Schritt für mich, der mich sehr erleichterte.

Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin

Im Studium der Psychologie lernt man zwar viel theoretisches Wissen, aber noch nicht das praktische Therapieren. Dies erreicht man durch eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin, welche für diplomierte Psychologen üblicherweise drei bis fünf Jahre dauert. Der theoretische Unterricht fand an meinem Institut an Wochenenden statt, während man praktische Erfahrungen in einer Psychiatrie und/oder einer psychosomatischen Klinik sammelt. Die praktische Arbeit erfolgt unter Supervision, das heißt man muss nach jeweils vier eigenständigen Therapiesitzungen seine Arbeit mit einem Supervisor besprechen. Zusätzlich zu den Supervisionen findet ein Zwischenkolloquium statt, bei dem man bestimmte Fälle bespricht. Wenn man alle diese Stufen durchlaufen hat, kann man ein Staatsexamen absolvieren und nach diesem die Approbation beantragen. Sie befähigt zur selbständigen Arbeit als psy­chologische Psychotherapeutin, ohne ständiger Supervision zu unterliegen.

Regelmäßige Supervision ist wichtig und wird in der Regel von einem älteren und erfahrenen Therapeuten, der bereits seine Approbation und genügend eigene Erfahrung hat, durchgeführt. Er bespricht mit einem, was in den eigenen Therapiesitzungen passiert und wie man bestimmte Problematiken therapeutisch angehen kann. Dabei versteht man besser, welche Methoden einzusetzen sind, wie die Beziehung zwischen dem Therapeut und dem Patient aufgebaut ist und welche Probleme dies mit sich bringen kann. Der Supervisor weiß, wie die Therapie theoretisch funktio­nieren könnte und muss mir schlimmstenfalls sogar sagen, dass ich bestimmte Vorgehensweisen unterlassen soll. Ich bespreche in der Super­vision also einerseits, was ich in Hinblick auf dieses Problem therapeutisch besser machen könnte, aber auch das, was ich bereits gut gemacht habe. Wichtig dabei ist: Diese Unterstützung ist zwar wichtig, aber jeder muss seine eigenen Therapiewege entwickeln.

Während der Weiterbildung ist auch das Sich-Kennenlernen durch Selbsterfahrung in Form von gruppendynamischen Übungen eingeplant, die für die spätere Arbeit mit dem Patienten wichtig ist. Manche angehende Therapeuten machen zusätzlich für sich selbst Psychotherapie. Die Selbst­erfahrung brauche ich als Psychotherapeutin, um mich selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, welche Erlebnisse mich geprägt haben, da ich dies letztendlich auch beim Patienten herausfinden möchte. Darunter sind Dinge, die mich belasten oder mir anderweitig wichtig sind. Es ist die Frage nach der Brille, durch die ich selber das Leben betrachte und durch die ich daher auch meine eigenen Patienten sehen werde. Durch dieses Bewusstsein kann ich unabhängiger von mir selbst begreifen, welches Problem der Patient hat. In der Selbsterfahrung kann ich meine Brille ent­decken und ihre Eigenschaften verstehen, sodass ich meine Patienten ohne diese Brille betrachten kann.

Der Arbeitsumfang des praktischen Teils in der Weiterbildung berechnet sich nach Stunden, weil ich zum Beispiel mit dem einem Patienten 40 Stunden verbringe, während ein anderer nur 20 benötigt. Ich musste in der Ambulanz des Ausbildungsinstitutes 600 Stunden sammeln, die den normalen (ambulanten) Praxisbetrieb umfassen. Darüber hinaus musste ich 1.200 Stunden in einer psychiatrischen und 600 weitere Stunden in einer psychosomatischen Einrichtung absolvieren. Während den 1.200 Stunden in der Psychiatrie musste ich insgesamt dreißig Patientenfälle dokumentieren.

Psychotherapie

Den Beziehungsaufbau zwischen Patient und Therapeut zu unterstützen, macht einen großen Teil der Arbeit bei der Psychotherapie aus. Ich versuche dem Patienten zu verdeutlichen, dass ich mit ihm gemeinsam an einem von ihm vorgegeben Ziel arbeite. Zwar hat der Psychotherapeut mehr Kenntnisse über bestimmte psychologische Zusammenhänge, allerdings darf dies in einer Behandlung nicht lehrerhaft herüberkommen. Ein Mensch, der sich für eine Psychotherapie entscheidet, ist kein „Verrückter" und es ist sowieso schwer zu definieren, was es überhaupt heißt, „ver-rückt" zu sein. Letzte­ndlich versteht jeder Mensch darunter etwas anderes. Oftmals stelle ich meinen Patienten genau diese Frage und ich versuche herauszufinden, was sie selbst darunter verstehen. Nur wenige Menschen verstehen unter „verrückt" ein nicht-kontrollierbares Verhalten und Rumgeschreie. Es ist eher ein Bild, das sie von einem „Verrückten" vor Augen haben; nicht aber sich selbst. Dadurch, dass ich den Patienten auf diese Weise ihr Nicht-verrückt-sein vor Augen führe, erreiche ich meist schon eine Linderung ihrer diesbezüglichen Befürchtungen. Sie sind nicht „verrückt", sondern haben lediglich bestimmte Probleme und, da sie zu mir gekommen sind, offenkundig ein Interesse daran, diese Probleme zu lösen.

Die meisten Menschen gehen wegen eines psychischen Problems zunächst einmal zum Hausarzt und dieser versucht zu erkennen, ob es sich um ein psychologisches oder ein körperliches Problem handelt, wobei beide nicht selten miteinander einher gehen. Hat der Hausarzt ein überwiegend psychisches Problem erkannt, so verweist er den Patienten zu einem Psychotherapeuten. Es gibt jedoch viele Patienten, die ihr Problem selbstständig richtig einordnen können und deshalb erst gar nicht zum Hausarzt, sondern direkt zum Psychotherapeuten gehen. Ich glaube, dass Menschen eine Psychotherapie dann in Anspruch nehmen, wenn sie alles, was in ihrer Macht steht, ausgeschöpft haben und alles, was sie probieren, nicht funktioniert. Der Leidensdruck bei einem Patienten muss ziemlich groß sein, damit er Veränderungen durch eine Psychotherapie herbeiführen will. Denn eine Veränderung ist immer mit Risiken verbunden, obgleich sie zu einem gewünschten Ziel führen kann. Dann gibt es aber auch Menschen, die sehr rational über die Psychotherapie nachdenken und erkannt haben, dass sie für ihr Problem professionelle Hilfe benötigen.

Für den Patienten macht es einen Unterschied, ob er ...

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