Praktikantin

Praktika stellen für die Berufsfindung eine gewinnbringende Möglichkeit dar, weil sie hautnah Einblicke in ausgewählte Berufe geben. Sie ermöglichen es, die eigenen persönlichen und fachlichen Fähigkeiten auf einen bestimmten Beruf hin zu testen, die Branche oder ein spezifisches Unternehmen kennenzulernen und auch ein bereits vorhandenes fachliches Wissen mit praktischer Erfahrung anzureichern. Hört man sich unter den Traumberufen junger Menschen um, so findet sich in dieser Liste oft auch die Arbeit beim Fernsehen. Diese Studentin erzählt, dass der Weg dorthin viel Durchhaltevermögen abverlange und man Volontariate wie die Nadel im Heuhaufen suchen müsse. Hunderte Praktikanten hofften auf eine einzige Volontariatsstelle und Fernsehsender nützten diese Befürchtungen der Praktikanten aus, um sie als kostenlosen Ersatz für teure Kameraleute und Organisationskräfte auszubeuten. Dennoch hält sie viel von Praktika, bereut ihre Entscheidung nicht und kann diese Art der vorübergehenden Be­schäftigung sehr empfehlen.

Sie ist Mitte zwanzig, ledig und derzeit im achten Semester des Studiengangs Übersetzen (Englisch und Spanisch, Ergänzungsfach Wirtschaft).

Ich wollte immer schon ein Studium im Bereich Fremdsprachen absolvieren, weil mir das Spaß macht, ich schon in der Schule sehr gut darin war und nicht zuletzt auch während meines Studiums immer schon ins Ausland wollte. Ich wollte aber in keinem Fall „auf Lehramt" mit dem Abschluss des Staatsexamens studieren, da ich nicht vorhabe, als Lehrerin zu arbeiten. Vor dem Studium habe ich mir über all die Möglichkeiten noch nicht so viele Gedanken gemacht und wollte eigentlich zunächst ein Jahr nach Australien, um mein Englisch zu verbessern. Mein Vater aber sagte, dass ich sofort anfangen solle zu studieren, damit ich keine Zeit verliere. Daher bewarb ich mich halbherzig in nur einer einzigen Stadt an der Universität für den Studiengang Übersetzen/Dolmetschen in Anglistik und erhielt dann auch noch sofort einen Studienplatz. Damit habe ich nicht gerechnet und somit das Studium sofort begonnen. Ich höre oft das Vorurteil, dass Anglistik-Studenten später Taxifahrer werden, was beim Dolmetschen aber nicht der Fall ist.

In diesem Studium beschäftigt man sich während des gesamten Grundstudiums nur mit dem Übersetzen, geht danach eine Zeit ins Ausland und übt im weiteren Verlauf des Studiums das Dolmetschen. Erst, wenn man die daran anschließende Prüfung besteht, kommt man in das Hauptstudium „Dolmetschen", andernfalls muss man den Hauptstudiengang „Übersetzen" belegen. Die sehr harte Prüfung bestehen nur sehr, sehr wenige und es hat auch bei mir leider nicht mit dem Dolmetscher-Studium geklappt, weshalb ich mich nun wieder entgegen meiner Wünsche mit dem Übersetzen beschäftigen muss. Das ist ziemlich langweilig, aber auf diese Weise erhalte ich zumindest einen Abschluss. Nur es stellte sich mir die Frage, was ich weiter machen könnte, da ich ja gar kein Übersetzer sein wollte. Ich informierte mich deshalb, welche Berufsfelder es beim Fernsehen, beim Radio und bei der Zeitung gibt und was mir davon Spaß machen würde. Das große Ziel, das man anstrebt, wenn man in den Bereich des Journalismus gehen will, ist ein Volontariat zu erhalten. Das hat aber wiederum zur Bedingung, dass man Praktika in diesem Bereich nachweisen kann und leider sind diese im Journalismus unbezahlt. Ich bewarb mich zunächst beim Fernsehen für ein Praktikum, um zu erfahren, welche Möglichkeiten es dort gibt. Demnächst möchte ich auch ein Praktikum beim Radio machen, um mich auch dort über das Berufsbild zu informieren. Zur Zeitung möchte ich eigentlich nicht gehen, da man dort sehr schlecht bezahlt wird und es so oder so kein Beruf für mich ist.

Gerade wenn man als Student ein Fach studiert, in dem man später nicht arbeiten möchte, erweckt dies leicht den Eindruck, dass man ein verwöhnter Student sei, nur aus Spaß studiert und gar nicht weiß, was man eigentlich später machen will. Aber bei mir ist es anders, denn ich versuche viele Praktika zu absolvieren und habe vor kurzem mit einem Workshop begonnen, der dreizehn Mal acht Stunden umfasst; ein zeitlicher Umfang, in dem ich auch arbeiten gehen könnte, wenn ich wollte. Aber ich bemühe mich durch mein studentisches Engagement in einem bestimmten Bereich Fuß zu fassen und das ist etwas, dass man berücksichtigen sollte wenn man ein solches Urteil über Studenten fällt. Bei mir war es darüber hinaus ja so, dass meine Universität die ziemlich blöde Regel hat, dass Studenten meines Studienganges das ganze Grundstudium hindurch studieren müssen, nur um erst nach der Prüfung endlich festzustellen zu können, ob sie ihren angestrebten Beruf des Dolmetschers überhaupt ausüben dürfen.

Praktikum beim Fernsehen

Ein Praktikum dauert in der Regel zwei Monate, was aus studentischer Sicht sehr lange ist, da man dort, wie schon gesagt, nichts verdient. Es ist leider so, dass, wenn der Praktikumsplatz in einer anderen Stadt liegt, man dort noch ein Zimmer bezahlen und sogar noch selbst draufzahlen muss. In meinem derzeitigen Praktikum lernt man eigentlich relativ viel, denn von anderen Praktika habe ich gehört, dass man nur Kaffee kochen muss. Meines hingegen ist klar gegliedert und ich habe zu Beginn direkt eine Schulung erhalten, wie ich mit einer digitalen Kamera Filme mache und wie Interviews zu führen sind. Schon zu Beginn durften wir zu zweit mit der Kamera losziehen und einen kompletten Beitrag selbst in die Hand nehmen. Um die Vertonung und den Text des Beitrags kümmern sich im Anschluss die richtigen Redakteure. Jeden Freitag gibt es ein Praktikantengespräch, bei dem ich als Praktikantin gesagt bekomme, was den Redakteuren gefallen hat und was nicht und welche Verbesserungen man einbringen könnte, sodass ich schon sehr früh das Gefühl hatte, ernst genommen zu werden.

In gewisser Hinsicht ist das Praktikum natürlich eine Art Ausbeutung, weil ich kein Geld sehe, aber laut Vertrag vierzig Stunden in der Woche arbeiten muss. Ich arbeite in Realität sogar bis zu neuneinhalb Stunden am Tag, weshalb die Arbeit sehr stressig ist. Gerade beim Fernsehen kann der Beruf sehr stressig sein und wenn etwas passiert, kann man nicht um sechs Uhr nach Hause gehen, sondern muss vielleicht sogar mal zwölf Stunden arbeiten. Andererseits gibt es beim Fernsehen diese morgendlichen Sen­dungen, bei denen man, zumindest als Moderator, bereits um neun Uhr morgens seine Arbeit getan hat. Beim Nachrichtensprecher hingegen werden die Inhalte jede Stunde aktualisiert, sodass dieser einmal die Stunde die Nachrichten verliest und sich in der restlichen Zeit auf die nächste Sendung vorbereitet. Moderatoren im Allgemeinen bereiten ihre Texte selber vor, üben und sprechen sie zu Hause und halten dann ihre Moderation. Bevor die Sendung gesendet wird, sind sie meistens schon wieder zu Hause.

Ich habe bereits eine Menge gelernt. An einem Tag bin ich bei der Sendung fürs Wetter dabei, während ich an einem anderen einen kleinen drei­minütigen Dreh für eine Reportage übernehmen kann. An anderen Tagen geht es mehr um das Organisieren von Aufnahmen, das heißt darum, die Mittel für den Dreh zu besorgen, Protagonisten aufzutreiben und die Post zu lesen beziehungsweise auszusortieren. Natürlich ist dabei nicht alles spektakulär. Ich lerne aber auch außerhalb solcher Aktionen sehr viel, weil ich zu Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen gehe, die ich sonst nie besuchen würde.

Als Praktikant ist man für viele unterschiedliche Bereiche zuständig. Den Dreh, die Arbeit mit der Kamera und auch das Schneiden. Die Redakteure kümmern sich hingegen hauptsächlich um den Inhalt und wählen aus, welcher Moderator an welchen Stellen auftritt. Es gibt also normalerweise für jede Tätigkeit einen Spezialisten, sodass sich der Redakteur um Inhalt und Fragen kümmert, während der Cutter nur für das Schneiden zuständig ist. Als Cutter schneidet man den ganzen Tag Filme und obwohl mir das Schneiden während des Praktikums am meisten Spaß gemacht hat, hätte ich keine Lust, ausschließlich diese Tätigkeit jeden Tag auszuüben. Ich habe mir aber sagen lassen, dass dies beim Radio wesentlich relaxter abläuft. Ich könnte mir auch keinen Beruf als Kameramann vorstellen, denn als solcher steht man ziemlich unter Zeitdruck. Schließlich kann man nicht einfach drauf los filmen, sondern muss bei jeder Aufnahme das Gerät auf neue Bedingungen einstellen und ständig hinter allem her rennen. Wenn ich bedenke, dass man dort vielleicht noch eine Operation filmen müsste, wird mir schon jetzt ganz übel. Ich kann schließlich als Kameramann nicht darauf bestehen, dass ich ...

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