Polizist

Der Beruf des Polizisten gehört zu den bekanntesten, zumal bereits jeder schon mehr oder weniger, direkt oder indirekt mit Polizisten zu tun hatte oder die Hüter des Gesetzes zumindest im täglichen Leben wahrnimmt: Ob durch Streifenwagen, Polizeiwachen oder Straßenkontrollen, umherlaufende Polizisten oder Grenzpolizisten am Flughafen. In Zeiten laufender Auslandseinsätze gibt es für motivierte Polizisten die abwechslungsreiche Option, ganz neue Erfahrungen außerhalb des gewohnten Umfelds zu machen. Dieser erfahrene Polizist beschreibt die unterschiedlichsten Aspekte des Berufs und gibt die Möglichkeit, über den Tellerrand hinaus in die Polizeiarbeit anderer Länder zu blicken, da auch er auf einige Erfahrung mit Auslandseinsätzen zurückblicken kann.

Er ist Mitte fünfzig, geschieden, ohne Kinder und arbeitet seit vierunddreißig Jahren als Polizist. Mittlerweile ist er Polizeioberkommissar und in der internen Personalberatung tätig. Er hat sein Büro in einem großen Gebäudekomplex mit langen Gängen und vielen Türen. In seinem circa 10qm überschaubaren Raum hängen an den Wänden zahlreiche Andenken aus Auslandseinsätzen wie beispielsweise Abzeichen ausländischer Polizei.

Ich besuchte die Fachoberschule im Bereich Wirtschaft, legte dort mein Fachabitur ab und hatte zu dieser Zeit das Ziel vor Augen, Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Wirtschaftswerbung zu studieren. Eigentlich hätte ich zur Bundeswehr gemusst, da das Ergebnis der Musterung einen Tauglich­keitsgrad 3 zur Folge hatte. Weil ich jedoch kein Mensch für das Militär bin, wollte ich verweigern, was zu dieser Zeit noch etwas schwieriger war. Da traf ich zufällig einen alten Klassenkameraden, der mir erzählte, dass er nicht zur Bundeswehr müsse, weil er sich bei der Polizei ausbilden ließe. Dies dauere nur zwei Jahre und nach dieser Zeit hätte man sogar ein festes Einkommen. Diese Option weckte mein Interesse, sodass ich im Oktober des Jahres 1975 meine Ausbildung bei der Polizei begann und nach zwei Jahren beendete. Im Laufe meiner Tätigkeit als Polizist bemerkte ich, dass mir die Tätigkeit viel Freude bereitet und so bin ich heute noch dabei.

Ausbildung und Herausforderungen für junge Polizisten

Die Arbeit bei der Polizei war anders als ich sie mir zunächst vorgestellt hatte, da sie genauso militärisch war wie die beim Militär, sodass ich zu Beginn einige Berührungsängste hatte. Wir mussten morgens beispielsweise zum Stubenappell antreten und m*xxxxx*ierten gemeinsam ins Schwimmbad. Die Kollegialität unter den Teilnehmern war aber sehr hoch und ich lernte in der Ausbildung viel, da sie sehr anspruchsvoll war. Trotz dieser para­militärischen Ausbildung gefiel es mir dort letztendlich sogar sehr gut. Die Ausbildung hat sich von früher bis heute stark verändert. Früher bestand sie noch aus einer halbjährlichen Grundausbildung, einer darauf folgenden Weiterbildung und einem abschließenden Endlehrgang mit Prüfung. Heute muss ein Anwärter für eine Ausbildung bei der Polizei das Abitur haben und im folgenden zweieinhalb Jahre studieren. Danach sind die Polizisten Diplomverwaltungswirte, was mit der klassischen Bereitschaftspolizei nur noch wenig gemein hat. Sie sind dann anerkannte Kommissare. Diese Maß­nahme diente dazu, ein gehobenes Niveau in die Polizei zu bringen.

Dennoch, obwohl Polizisten heutzutage studieren müssen, liegt ein Schwerpunkt ihrer Ausbildung immer noch im sportlichen Bereich, wenn­gleich dies für einen erfolgreichen Polizisten nicht entscheidend ist. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es in meiner gesamten bisherigen Dienstzeit nur äußerst selten auf körperliche Kraft ankam. Es ist eher wichtig, entschlossen zu handeln und den Gegner mit seiner Aktion zu über­rumpeln. Dadurch hat man schon fast gewonnen, um auch mit beispielsweise betrunkenen oder geistig kranken Tätern richtig umgehen zu können.

Während der Ausbildung kann ein Polizist wählen, ob er als Polizeibeamter, bei der Reiterei oder sogar im Helikopter ausgebildet werden möchte. Interessanterweise entscheiden sich die allermeisten Anwärter für die erste Variante. Im Großen und Ganzen ist das Berufsbild sehr vielschichtig und ein Polizist kann sich später die Sparte aussuchen, in der er arbeiten möchte, zum Beispiel bei der Kriminalpolizei, der Schutzpolizei oder dem Verkehrs­dienst. Somit findet jeder Polizist bei uns schließlich die Nische, die ihm am besten liegt und in der er arbeiten möchte. Der Kindergarten-Cop beispielsweise ist ein Polizeibeamter, der in verschiedene Kindergärten geht und den Kindern den Polizeibeamten vorstellt. So lernen sie, wie die Polizei strukturiert ist und welche Aufgaben sie hat, was also eine Art der Aufklärungsarbeit ist. Dies ist besonders wichtig, um den Kindern den nötigen Respekt vor der Polizei zu vermitteln und ein Kind, das durch uns oder noch besser durch das Elternhaus diesen Respekt bereits erhalten hat, wird im Erwachsenenalter wohl kaum einen Polizisten angreifen. Für mich jedenfalls wäre so etwas in meiner Jugend undenkbar gewesen, selbst dann, wenn ich dem Polizisten körperlich überlegen gewesen wäre. Bis zu einem gewissen Grad versuchen Verbrecher vor den Polizisten zu flüchten, aber wenn sie gefangen werden, geben sie in der Regel auf. Es gibt nur wenige, die nach der Festnahme noch zu flüchten versuchen, da sie einen solchen Versuch kaum gewinnen können und solche Manöver für den Verbrecher fast immer mit noch mehr Gewalt, einem Gerichtsverfahren und einer erhöhten Strafe ausgehen. Danach versucht kein Verbrecher erneut die Flucht aus den Händen der Polizei zu ergreifen. Viele sind aber schon von selbst schlau genug, um zu wissen, dass sie in einem solchen Fall den Kürzeren ziehen.

Ein Polizist muss es schaffen, eine gewisse Akzeptanz seines Berufes in seiner Umwelt aufzubauen, sodass er auch in seiner Freizeit nicht angreifbar wird. Ich kenne viele Menschen aus meinem Einsatzbereich privat und versuche stets, einen glaubwürdigen und fairen Eindruck zu vermitteln, dienstlich wie auch privat. Glaubwürdigkeit und Fairness zählen meiner Ansicht nach zu den Grundvoraussetzungen eines guten Polizisten. Ich darf nicht zum ängstlichen Häschen mutieren, sobald ich die Uniform ablege. Es wird generell versucht, Leute schon bei der Einstellung auszusortieren, die den Beruf des Polizisten vor allem wegen ihres Geltungsbedürfnisses aus­üben. Wer den Beruf nur wegen der Uniform ausüben will oder einem festgenommenen Menschen außerdienstlich nicht in die Augen sehen kann, ist nicht im richtigen Job. Schließlich kennt ein Täter in der Regel den Grund seiner Festnahme. Allerdings gibt es unter den Verbrechern viele sympathische Figuren und ich habe durchaus Mitleid mit Menschen, die für nur 600 Euro im Monat arbeiten müssen und deshalb kriminell werden.

Mein erstes Auftreten in Uniform auf der Straße war mir fast schon peinlich, da ich dachte, jeder drehe sich nach mir um. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr in der Anonymität verschwunden zu sein, so, wie man es als Mensch gerne hat, sondern im Fokus zu stehen - und das war mir sehr unangenehm. Bei meinem ersten Einsatz mischten sich Unsicherheit, Angst und eine gewisse Erwartungshaltung dazu und es dauerte circa ein viertel Jahr, bis ich dem mit einer gewissen Abgeklärtheit begegnen konnte. Ich musste realisieren, dass ich durch die Uniform stellvertretend für die Institution, die ich vertrete, stehe. Wenn mich beispielsweise Menschen beleidigen, beleidigen sie nicht mich persönlich, sondern wollen Ihren Unmut der Institution, die ich ver­körpere, zeigen. Wenngleich ich es nicht gut heiße, so ist für viele Menschen die Beleidigung eines Polizisten nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit, weil sie so irgendjemanden, der Institution auf die sie mitunter eine Wut haben, treffen und damit die Chance haben, einmal in irgendeiner Weise ihren Gefühle freien Lauf lassen zu können.

Unsicherheit und ein Gefühl von Unwohlsein begleitet einen jungen Polizisten in der ersten Zeit seines Berufes und er braucht einen guten Begleiter, der ihn leitet. Dies ist meistens der zweite Kollege im Berufsleben des Polizisten und er ist es auch, der einen in den ersten Berufsjahren am meisten prägt und darüber entscheidet, wie er sich als Polizeibeamter später verhalten wird. Im ersten halben Jahr wird dem frischen Polizisten immer ein erfahrener Kollege zur Seite gestellt, der Tipps im Umgang bei brenz­ligen Situationen gibt. In der Ruhe liegt nämlich die Kraft eines Polizisten. Dies erwarten auch die Menschen, mit denen sie zu tun haben, und nichts kann diese Erwartungshaltung mehr zerstören als ein hektisches Auftreten eines Polizisten vor Ort. Des Weiteren sollte das Ziel der Arbeit sein, stets ein souveränes Auftreten zu zeigen und klare Ansagen über die Maßnahmen, die ergriffen werden sollen, zu geben. Mit den Jahren wird die Arbeit immer mehr Routine und ich gehe die Aufgaben gelassener an, sodass mich nur noch Dinge belasten, die mich auch wirklich persönlich betreffen.

Es gibt besonders angespannte Situationen, zum Beispiel wenn ein Polizist zum ersten Mal mit dem Tod eines Menschen konfrontiert wird. Dies wird aber selbst in späteren Dienstjahren noch immer problematisch, wenn man die betroffene Person direkt kannte. Solche Situationen und jene, in denen beispielsweise Kinder unter den Toten sind, belasten mich auch heute noch. Jedoch gehören sie zum Alltag des Berufes. Früher mussten wir sogar Todesnachrichten an Angehörige übermitteln, wofür heutzutage größtenteils die Polizeiseelsorge zuständig ist. Ich war oft derjenige, der bei den Ver­wandten klingeln und die schockierende Nachricht mitteilen musste. Oft brechen die Leute dann zusammen und eine solche Situation kann auch für mich sehr belastend sein.

Früher gab es für uns keine Hilfe bei der Verarbeitung von belastenden Erlebnissen im Dienst und erst in den letzten zehn Jahren ist man bei der Polizei dazu übergangen, sich um Kollegen zu kümmern, die Probleme haben. Ich erinnere mich an das Jahr 1986. Ich hatte eine Schusswunde, wurde nach Hause geschickt, sollte Schnaps trinken und am nächsten Tag wieder zum Dienst erscheinen. Früher wurde vom Polizisten erwartet, dass er bei solchen Problemen Stärke zeigt und die Folgen nicht nach außen trägt. Als ich aber vor zehn Jahren ins Ausland gehen wollte, wies man mich ab, weil vermutet wurde, dass ich mit einem Post-Shooting-Trauma zu kämpfen hätte. Darüber war ich verärgert, da man sich doch viel besser zum Zeitpunkt dieses Geschehens um mich hätte kümmern sollen. Ihre Bedenken wurden schließlich aus dem Weg geräumt, weil das, was ich damals selbst in die Wege leitete, ihrer Meinung nach das Richtige war - nämlich zu einem Psychotherapeuten zu gehen.

Ich dachte eine Zeit lang, dass wir als Polizisten quasi unbesiegbar seien und mit vier Männern eine starke Einheit bilden. Das war eine falsche Annahme, da wir uns bei Einsätzen auch gegenseitig im Weg stehen konnten und uns beim Schießen so selbst trafen. Nach meiner Therapie habe ich mein Bild von der Polizei überdacht, ging nie wieder gleichzeitig mit anderen Kollegen in eine fremde Wohnung, sondern immer nur alleine oder aber gar nicht, denn mir wurde bei einem solchen Einsatz versehentlich in den Rücken ge­schossen. Bei solchen und ähnlichen Fällen der Vergangenheit hätte ich mir einen psychologischen Dienst bei der Polizei gewünscht. Mittlerweile ist all dies selbstverständlich.

Dienstwaffe

In der Anfangszeit des Polizeidienstes bekam ich zunächst eine Waffe zum Training und  hatte einen sehr großen Respekt vor ihr. Ich achtete sehr genau darauf, beim Auseinanderbauen und Laden auf keinen Fall einen Fehler zu machen. Zur Zeit des Terrorismus befand sie sich stets lose in meinem Anorak. Somit hatte ich bei der Kontrolle eines Autos quasi die Finger am Abzug, was der normale Bürger von außen gar nicht bemerkte. Ich musste ständig darauf vorbereitet sein, dass jemand anders im nächsten Moment auf mich zielt. Mit der Zeit verlor ich den hohen Respekt vor der Waffe, sodass sie mir vielmehr wie ein Kugelschreiber erschien. Sie ist ein Gegenstand, von dem man hofft, dass man ihn nicht brauchen wird, und man zieht sie, wenn man glaubt, dass die Situation es erfordert. Dies ist eigentlich nur eine Drohgebärde gegen einen Gegner und nur wenige Polizisten schießen wirklich. Die meisten von ihnen werden sogar pensioniert, ohne jemals ge­schossen zu haben. Im Fernsehen wird viel geschossen, im richtigen Leben eher weniger. Ich hingegen hatte das Pech, dass ich in meiner Dienstzeit zweimal von der Schusswaffe ...

... diese Berufsgeschichte weiterlesen? Das Buch Berufsgeschichten - Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben gibt es schon ab 5,95 Euro!

© 2005, 2009 Nick Melekian - Reproduktionen, Übersetzungen, Verbreitung, Weiterverarbeitung oder ähnliche Handlungen zu kommerziellen oder nichtkommerziellen Zwecken sowie Wiederverkauf sind ohne die schriftliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.