Pfarrer „im Ruhestand“

Kriegserfahrungen und all das damit verbundene Leid prägen Menschen tief und die Frage ist immer, wie man damit umgeht. Dieser Pfarrer hat sich nach seiner Zeit beim Militär bewusst gegen kriegerische Aus¬einander¬setzung entschieden, hat sein Abitur nachgeholt und Theologie studiert, um in den Dienst Gottes zu treten. Er bereut es nicht und betont immer wieder die vielen emotionalen Erfahrungen, die er in seinem Beruf machen durfte und die ihm das Leben bereicherten. Er spricht hier auch über unsere heutige Gesellschaft, welche aus seiner Sicht in emotionaler Armut lebt und ihre Gesprächskultur verloren hat.

Er ist Ende siebzig, arbeitete mehr als fünfzig Jahre als katholischer Pfarrer und ist erst seit sechs Jahren im Ruhestand. Sein Vater war Handelsvertreter und wünschte sich, ein Arzt als Sohn. Weil jedoch diesem Pfarrer „die Herzen zuflogen", fiel ihm die Entscheidung zum Beruf innerhalb der Kirche nicht schwer. Nun wohnt er in einem Haus, in dem sechs weitere ehemalige Pfarrer leben. Dort findet das Interview in einem kleinen Raum des ersten Obergeschosses statt. Es liegen duzende Haufen von Papieren und Büchern herum. Während des Gesprächs kommt es immer wieder zu kurzen Unter¬brechungen, weil Leute unten an der Haustür klingeln.

Ich stamme aus dem badischen Odenwald, aus einer christlich-katholisch geprägten Familie mit sechs Kindern. In meiner Verwandtschaft gibt es zwei Nonnen, Schwestern meines Vaters, sowie einen Onkel, der Professor der Theologie war. Wir, die Kinder meines Vaters, mussten schon in früher Jugend von zu Hause wegziehen und kamen in ein erzbischöfliches Internat, in dem wir dann, 150 Kilometer von zu Hause entfernt, lebten. Es war eine schmerzliche Erfahrung, aus dem warmen Schoß der Familie gerissen zu werden und dort leben zu müssen. Nach drei Jahren im Internat begann der Krieg und da mein Internat in der Nähe der französischen Grenze lag, wurde es schon bald geschlossen und wir sollten in einem anderen Internat unter­gebracht werden. Wir landeten schließlich in einem Kapuzinerkloster, ebenfalls ein Internat, und dort, da ich zum heiligen Franziskus eine gute Beziehung hatte, befreundete ich mich schnell mit den Kapuzinern und empfand große Sympathie für sie. Es ist dort etwas gewachsen, das den Keim für meinen späteren Werdegang legte.

Ich habe in meinem Beruf grundsätzliche Erfahrungen gemacht. Schon im Internat lernte ich zu streiten, aber auch friedlich miteinander umzugehen. Im Krieg merkte ich auch, obwohl das natürlich eine Sondersituation war, dass zueinander zu stehen, Kameradschaft zu üben und nicht davonzulaufen, etwas Gutes sei. Die Zeit im Kapuzinerinternat hat mir für diese Ausbildung einen Bonus verschafft und ich konnte immer schon vermittelnd tätig werden. Ich hatte meine Bibel dabei, welche ich über tausend Filzungen in der späteren Kriegsgefangenschaft hinweg retten konnte. Wir lagen damals in einem nassen Haus auf dem Bauch. Die Deutschen waren schon wieder vorgerückt und die Amerikaner hatten Angst. In dieser Situation holte ich die Bibel heraus und las die Botschaft von Weihnachten. Solche Erfahrungen waren Stationen, die sowohl mir als auch den anderen Menschen, die mit mir zusammen waren, ein Standbein gaben.

Kriegserfahrung

Die Botschaft, die ich als Pfarrer verkünden soll, ist eine Botschaft der Freiheit und der Befreiung von Angst für den Menschen, welcher sich aufgrund seiner Vergänglichkeit immer wieder in Angst findet. Ich habe erfahren, dass Angst die grundlegende Befindlichkeit der Menschen darstellt. Ich erlebte dies besonders, als ich mit sechszehneinhalb Jahren, im Februar 1943, zur Flak eingezogen wurde und ein Jahr lang Bombenangriffe unter großen Verlustängsten selbst erlebt habe. Ich bekam mit, wie meine Kameraden durch Bombenangriffe fielen. Im Februar 1944 war dieser Dienst für uns zu Ende und ich kam  für weitere neun Wochen zum Arbeits­dienst. Nach meiner Rückkehr versuchte ich, die Schule weiterzuführen, was aber nur wenige Wochen dauerte, da wir bald wieder zum Militär eingezogen wurden. Dort wurde ich zum Grenadier und Maschinengewehr-Fachmann ausgebildet und am 12. September 1944, am Tag meines achtzehnten Geburtstages, zum Kampf gegen die Amerikaner berufen. Ich war zehn Tage im Kampf. Später wurden wir gefragt, ob wir zur SS oder Hitlerjugend wollten. Es meldeten sich aber nur drei oder vier, da die anderen keine Lust mehr hatten, sich als Kanonenfutter zu verkaufen. Wir übrigen wurden zu Granatwerfern umgeschult und danach in die Eifel geschickt, wo wir verschiedene Einsätze hatten. An einem Ort herrschte ein monatelanger Stellungskrieg. Es wurde wie wild geschossen und es standen keine Bäume mehr - nur noch deren Stumpfe. An einem Novembermorgen kamen wir dann glücklicherweise in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Von dort wurde ich in verschiedene Lager verlegt und verbrachte insgesamt eineinhalb Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernte ich Hunger und Verzweiflung kennen, denn in dem ersten Jahr der Gefangen­schaft konnte ich mich nicht mehr als zehn Mal satt essen. Im letzten halben Jahr hatte ich Glück, da ich in eine Bäckereikompanie versetzt wurde. Dort mussten wir Amerikaner versorgen, das heißt deren Wäsche waschen und Kochen. Eines Tages erging der Befehl, alle Theologen zu entlassen. Ich hatte zwar nicht einmal Abitur und war schon gar nicht Theologe. Aber ich entschloss mich damals, die Lüge auf mich zu nehmen. Folglich wurde ich entlassen, allerdings wurden einige meiner Freunde, die das gleiche versuchten, entlarvt. Meine Entlassung verlief glimpflich; ich hätte auch Pech haben können, da sich die Franzosen der gut genährten amerikanischen Kriegsgefangenen, die gerade entlassen wurden, be­mächtigten, um sie auf dem Feld oder im Bergwerk arbeiten zu lassen. Es ist ein Glücksfall, dass ich nicht bei einem nächtlichen Abtransport in die Hände der Franzosen geriet, sodass ich am 15. Februar 1946 schließlich zu Hause war.

Abitur und Theologiestudium

Ich hatte in der Kriegszeit eine Menge Erfahrungen darüber gesammelt, was es heißt, mit Ängsten umzugehen. Ich hatte Glück, dass ich in dem Kapuzinerinternat immer schon mit Soldaten Kontakt hatte, welche ebenfalls Kapuzinerschüler waren und später studierten. Sie haben uns Schülern immer wieder vom Krieg erzählt, von den Ängsten und moralischen Fragen, die einen beschäftigen. Somit war ich gut vorbereitet auf das, was auf mich zukam. In der Zeit des Krieges hatte ich dann Gelegenheit, mich zu entscheiden, ob ich zu den Kapuzinern gehen werde, sobald ich wieder nach Hause komme. Bevor ich nach Hause fuhr, blieb ich noch drei Tage bei den Kapuzinern, obwohl man mich zu Hause bereits als vermisst gemeldet und eine Beerdigung gefeiert hatte. Ich wollte wissen, wie es für mich weiter gehen sollte und man sagte mir, dass ich noch zwei weitere Jahre Kurse an einer Schule belegen müsste.

Als ich nach Hause kam, traf ich einen sehr guten Freund, welcher mir vorschlug, dass wir gemeinsam das Abitur nachholen könnten. Ich empfand dafür durchaus Sympathie, da ich von Militär und Befehlen die Nase voll hatte. Ich sprach mit dem Direktor der Schule, der mir vorschlug, die Abiturprüfung zu versuchen. Auf diese Weise konnte ich schon im darauf folgenden August mein Abitur ablegen. Aber das war eben 1946 und der Krieg war noch viel zu präsent. Es gab keinen Geschichtsunterricht und es lief etwas lockerer ab - ich konnte in Mathe sogar mit meinem besten Freund die Aufgaben vergleichen. Ich war heilfroh, im August mein Reife­zeugnis zu erhalten.

Es stand für mich nun die Frage nach den Kapuzinern im Raum. Ich ging jedoch nicht in das Kapuzinerinternat aus meiner Jugendzeit zurück, sondern schloss mich einer anderen Gruppe in einer anderen Stadt an. Ich weiß heute noch nicht, warum sich dies so ergab. Ich wollte mich in einer anderen Stadt an einer Diözese für die Theologie einschreiben, konnte aber aufgrund der Kriegsunterbrechung kein Griechisch. Ich musste also noch Griechisch und Latein nachholen, tat dies zusammen mit zwölf Freunden und konnte mich dann endlich für das Theologiestudium anmelden. Im Nachhinein stellte sich heraus, sofern man etwas von der Vorsehung und Fürsorge Gottes hält, dass ich über diese Schiene zu meinen drei Freunden gelangte, mit denen ich hier im Jahr 1960 das Oratorium gründete. Man neigt ja dazu, im Nachhinein Lebensverläufe zu deuten, und ich bin mit meiner Deutung sehr zufrieden.

Ich studierte zunächst drei Jahre Theologie. Ich musste im Übrigen noch die hebräische Sprache erlernen, mir verschiedene Literatur aneignen - ich habe ja nicht einmal den Faust richtig gelesen - und auch mein Englisch be­schränkte sich auf den Satz: „To be or not to be - that is here the question." (lacht). Es war alles recht schmalspurig und ich musste folglich die eine oder andere Nachtstunde Literatur lesen. Ich habe ein weiteres Jahr extern in München studiert, welches auch ein sehr interessantes Jahr war. Zwischendurch war ich mit einigen Krisen konfrontiert. Von meinem Eltern­haus her kam ich nämlich aus der „Fülle des Lebens", ich habe gerne getanzt und organisiert, und kam nun in die Stille eines Studienhauses. Wenn ich dort von meiner Familie und meinen Freunde besucht wurde, fragten sie mich öfters, wie ich es denn dort aushalten würde.

Jugendarbeit und Seelsorge

Ich wurde ausgebildet, um später für die priesterlichen Funktionen gewappnet zu sein, das heißt die Sakramente und die Gottesdienste. Im Jahre 1952 wurde ich dann zusammen mit zweiundfünfzig anderen Priestern geweiht. Ich war nun Priester und kam als Kaplan, also als Lehrling, auch an eine Stelle. Dort habe ich einen Priester vertreten, der nach zehn Jahren Arbeit einmal Urlaub machen durfte. Danach war ich neun Wochen bei einem Pfarrer tätig, dessen Kirche umgebaut wurde und den ich unterstützen sollte. Im Folgenden kam ich als Kaplan in eine große Arbeiterpfarrei. Dort hatte ich ein volles Stundenpensum in der Volksschule und war darüber hi­naus in der Jugendarbeit und der Krankenseelsorge tätig. Der Kontakt mit der Arbeiter- und Jugendseelsorge war für mich von großer Bedeutung, da diese jungen Leute aus Gebieten mit sozialen Spannungen kamen. Zu dieser Zeit waren Gewerkschaftsfragen und Rechte der Arbeiter gerade erst in der Diskussion und diese jungen Leute waren häufig der Willkür von oben ausgesetzt. Das kennen wir heute auch, nur in einer anderen Form.

Ich hatte zu dieser Zeit eine Gruppe von Jungarbeitern, die mit mir über ihre Probleme redeten, auch über soziale Spannungen. Ich musste mich dabei zurückhalten, hörte lediglich zu und hatte im Anschluss die Aufgabe, durch das Leben des Jesus und seinen Umgang mit den Menschen diese Jugendlichen zu inspirieren. Es war eine außergewöhnlich gute Zeit, in der ich der Jugend zeigen konnte, wie Jesus die Menschen zur Gerechtigkeit geführt hat. Mit der Jugend bin ich bis zum heutigen Tag vertraut und habe gelernt, welche Grunderfahrungen und Sorgen Menschen umtreiben, im pri­vaten wie auch im beruflichen Bereich. Nicht befehlen, sondern beseelen, so hieß es damals; zuhören und nicht als ein Theologe, der alles weiß, gescheite Reden führen wolle. Es war meine Aufgabe, eine Stunde lang zu­zuhören und diese Lebenssituation dann aus meiner spirituellen Erfahrung heraus zu deuten. Es bedeutet, den Menschen zuzulassen, ihn anzuhören, Zwischen­töne zu erkennen und auf Fragen einzugehen. Wir lernten damals quasi die Grundregeln des heutigen Therapeuten und hatten schon zu dieser Zeit Kontakt zu einer Psychologin. Mit ihr kamen wir regelmäßig zusammen und lernten, auf welche Spielregeln es im Leben ankommt.

Enttäuschungen

Es gibt einen Satz, der lautet: „Ich wurde enttäuscht." Das ist ein Satz, der auch in unserem Stand oft zu hören war und zu hören ist. Ich habe bereits durch eine Situation mit einem Jungen, der bei mir zur Schule ging, erlebt, wie vielschichtig das Wort „enttäuscht" sein kann. Dieser Junge hat immer seine Hausaufgaben erledigt und hatte konstant eine Eins. Eines Tages veränderte sich dieser Junge, war geistig abwesend und machte seine Haus­aufgaben nicht mehr. Ich merkte, dass etwas im Argen liegt und sagte diesem Jungen, dass ...

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