Musiker

Wie viel Wahrheit steckt hinter dem Klischee „Sex, Drugs and Rock'n'Roll"? Dieser Schlagzeuger erzählt, dass vieles davon wahr ist. Er berichtet von Auftritten, Bands, Frauen und dem unrealistischen Bild des Superstars. Desweiteren sinniert er über die Arbeitsbedingungen in seinem Beruf als Freiberufler und vergleicht seinen Job mit einem Leben als Angestellter, das für ihn keinesfalls in Frage käme. Er schätzt die Freiheit, seinen Beruf selbst zu gestalten, stellt jedoch auch fest, dass dies regelmäßig zu Existenzängsten führen kann.

Dieser Musiker ist Ende dreißig, ledig und hat einen Sohn, der bei dessen Mutter lebt. Das Gespräch findet nach einer Unterrichtsstunde im Übungsraum einer Musikschule statt, für die er freiberuflich arbeitet. Er hat mittellange Haare, ist schlank, leger gekleidet und macht einen ruhigen, gelassenen Eindruck.

 

Ich habe zunächst einige Semester Jura studiert und relativ früh gemerkt, dass mich die Berufe, die auf Kommerz ausgelegt sind, weniger interessieren als solche, bei denen ich mich selbst als Mensch mit einbringen kann. Ich versuchte mich ein paar Mal im Bereich der Malerei, was ich auch heute noch ab und zu mache, bin aber letztendlich bei der Musik geblieben, weil sie in meinen Augen eine völlig andere Stimmungslage repräsentiert. In der Malerei verschließe ich mich eher und versuche, meine Ideen zu konservieren und zu schützen, während ich bei der Musik gemeinsam mit anderen kreativ bin und versuche, diese Kreativität in eine gewisse Schwingung zu versetzen. Daher war mir klar, dass die Musik das bessere Medium für mich ist als die Malerei. Für das Fach Jura hatte ich mich rückblickend eigentlich gar nicht wirklich entschieden, sondern eher versucht, meinen Eltern damit einen Gefallen zu tun, womit ich aber kläglich gescheitert bin.

Ich glaube, dass ich relativ gut in der Musik bin, weil ich viel positives Feedback bekomme. Ich spiele seit meinem siebzehnten Lebensjahr in verschiedenen Bands und hatte schon zu dieser Zeit meine ersten Radioauftritte und Wettbewerbe. Während meines Studiums war ich unter anderem in Kanada und habe dort verschiedene Bands begleitet. Ich hatte relativ schnell das Gefühl, von dieser Arbeit leben zu wollen und zu können. Ich habe sieben bis acht Jahre in einer Rock'n'Roll-Band gespielt und gegen Ende hatten wir derart viele Auftritte, dass ich nebenher keinen anderen Beruf mehr ausüben konnte. Somit musste ich quasi von dieser Arbeit leben. Ich arbeite als Freiberufler, das heißt dass ich meine Steuern, meine Krankenkasse und ähnliche Abgaben selber bezahlen muss. Daher versuche ich, möglichst hohe Stundenlöhne auszuhandeln, was mir zwar nicht immer, aber zunehmend öfter gelingt.

Mein Arbeitsalltag

Ich bin an drei Tagen in der Woche von morgens bis zwei oder drei Uhr bei irgendwelchen Bandproben, wo ich mit Berufsmusikern zusammenarbeite. Diese proben deswegen meist am Vormittag, weil sie nachmittags Unterricht geben und abends ab und an Auftritte haben. Ich bin derzeit nachmittags fast immer im Unterricht, was bei mir sogar bis spät in den Abend hineindauert, sodass ich selten vor neun Uhr zu Hause bin. An den Wochenenden bin ich meistens unterwegs auf Gigs, worunter natürlich die Beziehungen zu Frauen leiden. Daher brauche ich als Musiker Frauen mit sehr viel Sinn für Humor, die man leider eher selten findet. Daraus folgt natürlich, dass meine Beziehungen häufig wechseln.

Meine Arbeit als Schlagzeuglehrer ist nur ein Mittel, um meine Arbeit als Musiker zu finanzieren. Zwar gibt es auch unter meinen Schülern einige Highlights, aber die meisten von ihnen entsprechen leider dem Klischee eines Schülers, der sich von Stunde zu Stunde hangelt. Es gibt einige, die wirklich fleißig sind und am Ball bleiben, aber bei der Mehrzahl der Schüler frage ich mich wirklich, warum sie überhaupt Unterricht nehmen.

Meine Arbeit als Musiker hingegen ist eine relativ freie Arbeit, die mir Spaß bereitet und welche ich nicht nur zum Geldverdienen ausübe. So spielte ich bis vor kurzem in einer Band, die unter anderem Platten von Jimmy Hendrix covered, jedoch nicht viel Geld verdient. Leider musste ich aus Zeitgründen die Arbeit in dieser Band aufgeben. Diejenigen Bands, bei denen ich haupt­sächlich aus finanziellen Gründen mitspiele, weil ich dort besser verdiene, schränken meine künstlerische Freiheit stark ein, weil die Lieder Wiedererkennungswert haben sollen. In diesen Fällen muss ich mich sehr nach der Originalkomposition der Songs richten, um den Zuhörern ein ganz bestimmtes Lied nachzuspielen.

Der Traum des Rockstars

Die Anzahl der Musiker, die letztendlich so etwas wie ein Rockstar werden, ist sehr gering - das ist quasi wie ein Sechser im Lotto. Als Musiker muss man, wie in jedem anderen Beruf auch, sehr engagiert und fleißig sein und man sollte regelmäßig arbeiten, wenn man es irgendwo hin schaffen will. Das Klischee von Rockstars besagt, dass diese echte Genies seien und daher den ganzen Tag nur auf dem Sofa liegen brauchen. Das ist selbstverständlich ein absoluter Witz und auch die Rolling Stones haben hart für ihren Erfolg gearbeitet. Wenn man das nicht kapiert, dann kommt man als Musiker nicht auf einen grünen Zweig. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Beruf des Musikers von keinem anderen Beruf.

Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich ein berühmter Musiker werden will und ich glaube, dass mich die Realität dafür schon zu sehr eingeholt hat. Selbstverständlich wäre Berühmtheit eine schöne Sache, aber ich glaube auch, dass dies nicht durch Arbeit allein zu erreichen ist. Es ist von einigen anderen Faktoren bestimmt, die man selber nicht beeinflussen kann, zum Beispiel Glück oder „Vitamin B". Stars, die in neuerer Zeit durch Fernsehshows groß gemacht werden, bringen oftmals viel Talent mit, wobei manche auch nur zur Vermarktung bestimmter Produkte benutzt werden. Letztere sind eigentlich arme Schweine, weil sie alles geben müssen, aber ausgespuckt werden, wenn man sie nicht mehr braucht. So jemand möchte ich auf keinen Fall sein. Es gibt aber auch gute Musiker, die Wettbewerbe gewinnen, wirklich talentiert sind und sich nicht verheizen lassen.

Arbeit mit der Band und auf der Bühne

Mit einer Band auf Tour zu fahren kann recht stressig sein und man lebt letztendlich mehrere Monate mit den gleichen Leuten zusammen. Alles in allem wünsche ich mir aber nicht anderes als dies und würde es gerne öfter machen. Momentan spiele ich wieder in so einer Band, bei der eine größere Tour anläuft, und ich würde sogar meinen Unterricht reduzieren, wenn ich dafür öfter an solchen Aktivitäten teilnehmen könnte. Ich würde gerne etwas breitgefächerter arbeiten wollen, sodass ich nicht ausschließlich der Musikpädagoge oder der Musiker, sondern beides auf gleichberechtigte Art und Weise bin.

Ich habe bereits in Bands aus allen Musikrichtungen außer Jazz gespielt. Schließlich bin ich seit zwanzig Jahren im Geschäft und konnte somit fast alles ausprobiert. Die Menschen in Tanzbands sind Leute, die im Prinzip auch Versicherungen verkaufen könnten. Sie arbeiten stark am Gewinn orientiert, wobei dies natürlich sehr pauschal gesagt ist und es auch hier Ausnahmen gibt. Die Rockbands hingegen sind pauschal gesehen eher Leute, die am unteren finanziellen Limit leben und ihre Musik eher um der Freude willen machen. Bei den Tanzbands herrscht oft aus finanziellen Gründen ein unglaublich hoher Stress, da es nicht selten um hohe Gagen geht. Kameradschaft spielt bei ihnen keine große Rolle und man kann sehr schnell aus der Band fliegen, wenn man bestimmte Spielregeln nicht einhält.

Die Dynamik in einer Band hängt stark davon ab, ob es sich um eine reine Männerband oder um eine gemischte Band handelt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ...

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