Mediatorin

Mediation ist ein standardisiertes Verfahren zur Lösung eines Streits und kann selbst dann noch Erfolg bringen, wenn Konfliktparteien (Medianten) schon so zerstritten sind, dass sie es nicht mehr schaffen, direkt miteinander zu reden. Das Verfahren wird immer populärer. Es bedarf einer eigenen Ausbildung, um auch bei komplexen Konflikten helfen zu können.

Diese Mediatorin und Rechtsanwältin für Familienrecht ist Ende fünfzig, verheiratet und hat drei Kinder. Sie ist eine der Pioniere der deutschen Mediationsbewegung in Deutschland und erhielt für Ihre Arbeit eine Auszeichnung. In gleichen Räumlichkeiten hat sie eine Rechtsanwaltskanzlei und die Mediationspraxis. Sie verbreitet das Mediationsverfahren durch eigene Schulungen beziehungsweise Ausbildungen. In dem Interview erzählt sie von den Möglichkeiten und Erfahrungen bei Mediationen zu helfen sowie von dem eigenen Anspruch, dies mit hoher Qualität zu tun. Sie gibt zudem einen Ausblick auf die Zukunft der Mediation in Deutschland.

 

Der Beruf als Mediatorin hat Wurzeln in meiner Vergangenheit. Ich bin eine Zeitgenossin der 68er-Zeit, habe die heiße Phase dieser Bewegung in meiner Stadt mitbekommen und war sogar mit einem früheren SDS-Genossen (aus dem Sozialistisch Deutschen Studentenbund) verheiratet. Unser Anspruch und Credo war die Berufstätigkeit anders zu gestalten, als es die Generation vor uns tat. Meine Entwicklung zur Mediatorin beginnt daher im Jahre 1968. Ich studierte zunächst Jura und war als Anwältin tätig. Dabei war ich sogar in politische Verfahren dieser Zeit involviert, das heißt ich war zunächst im Strafrecht tätig, später aber auch im Familienrecht, da mich auch die Lebenswirklichkeiten anderer Menschen interessierten. Die Anwaltstätigkeit faszinierte mich, denn ich bin sehr bürgerlich aufgewachsen und habe auf diese Weise eine sehr beschränkte Lebenssicht mitbekommen, sodass ich schließlich auch einmal in einen Knast gegangen bin, um dort die Menschen kennenzulernen, zum Beispiel die politischen Gefangenen. Das war etwas völlig Neues für mich und es stellte einen Blick über den Tellerrand dar.

Als ich dann ins Familienrecht wechselte, bemerkte ich, dass ich auf diese Tätigkeit aufgrund meiner Ausbildung gar nicht richtig vorbereitet war. Meinem Mann erging es ähnlich. Er ist Mediziner, hat eine eigene Praxis eröffnet und musste schnell erkennen, dass er durch sein medizinisches Studium nicht auf die Berufswirklichkeit vorbereitet wurde. Wir beide wussten nämlich nicht, wie man richtig Gespräche führt und mit anderen Menschen umzugehen hat. So kam es, dass wir Ende der siebziger Jahre eine Ausbildung in klientenzentrierter Gesprächsführung und Gesprächstherapie machten, mit dem Ziel, die bürgerliche Anwaltstätigkeit auf eine andere Weise auszuüben. Über Bekannte hörten wir Ende der achtziger Jahre schließlich von der Mediationstechnik aus den USA und es war mir sehr schnell klar, dass ich genau nach einer solchen Technik für meinen Beruf gesucht hatte.

Für mich persönlich war die Mediation zusätzlich aufgrund meiner Kinder und meines Mannes wichtig. Da sich unsere Wohnung in demselben Gebäude wie mein Büro und die Praxis meines Mannes befand, erlebten unsere Kinder den Beruf ihrer Eltern hautnah. Meine Kinder hatten dabei eher den Bezug zum Beruf meines Mannes, da er für sie den guten Menschen darstellte, der die Kranken heilte, während sie zu meinem Beruf der Anwältin eine solche Beziehung nicht aufbauen konnten. Aber seit ich Mediatorin bin, bin ich auch bei meinen Kindern im Ansehen gestiegen. Jedoch nicht nur bei ihnen, sondern auch auf Partys sind die Menschen sehr an der Mediation interessiert. Sagte ich früher, ich sei Rechtsanwältin, gingen die Leute zunächst auf Distanz zu mir und sagten höchstens etwas in der Art: „Du siehst ja sogar sympathisch aus." (lacht) Das verhält sich als Mediatorin ganz anders, wobei das natürlich auch nervig sein kann und man auf einer Party lieber tanzen als seinen Beruf erklären möchte. Das Interesse am Beruf der Mediatorin ist allgemein höher, sogar bei den nachfolgenden Generationen, zum Beispiel den Freunden meiner Kinder. Einige wollen mich unbedingt kennen lernen, was ihnen bei einer Rechtsanwältin ver­mutlich nicht in den Kopf gekommen wäre.

Mein früherer Beruf als Rechtsanwältin

Der Rechtsanwalt hat, sicher zu Unrecht, den schlechten Ruf, dass er die Konflikte verschärfe und als Schmarotzer lebe. Das gängige negative Bild ist, dass, wenn man ein Haus hat und mit einem Problem zum Rechtsanwalt geht, man danach das Haus an ihn verliert. Ich habe den Beruf jedoch immer als angenehm empfunden, da der Rechtsanwalt ein Organ der Rechtspflege darstellt und dieses dem Rechtsfrieden dient. Die Idee ist also, dass auch Rechtsanwälte Frieden schaffen, bloß werden wir anders wahrgenommen, zumal es auch Kollegen gibt, die gerade keinen Frieden schaffen. Im Familienrecht finden sich in der Regel deeskalierende Rechtsanwälte, die aber dennoch keinen guten Ruf haben, so wie ich ihn auch nicht hatte. Es ist mir sogar schon passiert, dass ich auf eine Party ging und daraufhin andere Leute gegangen sind, da ich deren Frau oder Mann vertrat, obwohl ich nur meinen Beruf ausgeübt und mich um einen freundlichen Stil bemüht habe.

Es liegt zwar einerseits in der Struktur des Berufes, andererseits übertreiben es einige meiner Kollegen auch, die dann schon mal recht „flotte" Rechnungen stellen. Bei einem Rechtsanwalt wird leider das Honorar nicht nach Stunden berechnet, sondern es wird direkt auf das Vermögen der Leute bezogen, sodass man bei reicheren Personen auch mehr Geld verdienen kann. Es ist legitim, einige Tausend Euro zu berechnen, weil man bei ärmeren Menschen für die gleiche Arbeit nun einmal nur 300 Euro berechnen kann, wo man bei reicheren Personen wesentlich mehr berechnen könnte. Das ist aber für eine einzelne Person nicht nachvollziehbar und auf diese Weise baut sich der schlechte Ruf auf. Man muss natürlich dazu sagen, dass einige Kollegen diesen Umstand auch ausnutzen. Ich habe das nie gemacht und dachte mir, es sei besser einen zufriedenen Mandanten zu haben, welcher mich wiederum weiterempfiehlt.

Es ist schon vorgekommen, dass ich in bestimmten Fällen als Rechts­anwältin Angst hatte, einen Gerichtssaal zu betreten, wenn die entsprechende Person nicht vorher durchsucht worden war. Ich hatte daher auch oft Angst, dass mir Gewalt angetan wird und ich anstatt der Frau des Angeklagten sterben würde. Eine Kollegin ist nämlich einst im Gerichtssaal erschossen worden, während ein anderer Kollege so schwer verwundet wurde, dass er nicht mehr sprechen kann. Es sind dabei eben sehr starke Emotionen im Spiel, in die man als Rechtsanwalt automatisch involviert ist, obwohl man mit der Beziehung der Streitenden eigentlich gar nichts zu tun hat. Viele Menschen glauben jedoch, dass sich Rechtsanwälte mit ihren Klienten verbünden würden.

Energieverlust und Energietanken

Der Beruf des Mediators ist ein sehr anstrengender Beruf, der wahnsinnig viel Kraft kostet und es kommt nicht selten vor, dass man nach einer Sitzung ausgepowert ist. Ich war als Rechtsanwältin nach einem 8-Stunden-Tag niemals so angestrengt wie nach vier Stunden Mediation. Man muss daher darauf achten, wo man als Mediator selber wieder Energie bekommt und somit danach wieder für andere Menschen arbeiten zu können. Die Be­lastung ist ungleich höher als in dem sehr eingeengten Beruf des Rechtsanwaltes. In letzterem spiele ich eine Rolle, bin sehr freundlich zu den Leuten, anteilnehmend und kann zwanzig Klienten hintereinander bearbeiten - das geht in der Mediation nicht. Und selbstverständlich ist der Beruf des Mediators finanziell nicht so interessant wie der des Rechtsanwaltes. Das ärgert mich wirklich, weil ich eine viel aufwändigere Arbeit mache, bei der ich eigentlich das Dreifache eines Rechtsanwaltes verdienen müsste. Dafür, dass dieser Beruf sehr anstrengt, ist die Bezahlung eigentlich nicht adäquat. Ich habe zwar manchmal bis zu vier Mediationen am Tag, kann dann aber auch nichts anderes mehr machen, sodass es an Privatleben mangelt. Aber das ist eine Eigenschaft vieler Berufe, welche einen Menschen voll und ganz befriedigen. Bis vor zwei oder drei Jahren dachte ich daher schon öfters, vielleicht doch in den Beruf des Rechtsanwaltes zurückzugehen.

Mittlerweile traue ich mir eigentlich jeden Fall zu und werde durch nichts mehr überrascht. Ich bin auch relativ gelassen, wenn der Konflikt nicht gelöst werden kann, da auch eine Nichtlösung im weiteren Sinne eine Entscheidung der Parteien darstellt, nämlich, dass die Mediation für diese kein geeignetes Verfahren ist. Ich war zu Anfang sehr ergebnisorientiert und wollte unbedingt ein gütliches Ergebnis für beide Medianten in der Me­diation erreichen, sodass ich mich auf diese Weise selber stark unter Stress gesetzt habe. Mittlerweile bin ich dabei aber gar nicht mehr so angestrengt wie früher.

Unterschiede zwischen Mediation und Justiz

Der momentane Umgang mit Konflikten ist sehr egoistisch. In der Justiz stärken wir bei Konflikten den Einzelnen, welcher von einem Rechtsanwalt beraten wird und dessen Position aufbaut. Man versucht erst dann einen Ausgleich zu erzielen, wenn man zwei solcher starken Positionen aufgebaut hat. Das ist zwar von der Idee her gar nicht schlecht, aber in der Gesellschaft wird es als Egoismus wahrgenommen, bei dem der Egoismus des einen vom Egoismus des anderen abgegrenzt wird. Dies ist die Weltanschauung, die hinter unserem jetzigen Justizsystem steht. Die Mediation hingegen verkehrt diese Position ins Gegenteil, indem sie sagt, dass die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht. Diese Position ist, wie ich glaube, auch für die Jugend in­teressant, gerade auch aufgrund eines religiös anmutenden „Touches". Junge Leute haben oft erfahren, dass durch den Egoismus der Eltern viel kaputt gemacht werden kann.

Die meisten Leute wissen nicht, was Mediation ist und man muss auch eingestehen, dass es ein unglücklicher Begriff ist. Erst wenn ich erkläre, dass ich eine Art Vermittlerin bin und versuche, Konflikte außergerichtlich zu klären, interessieren sich die Menschen dafür. Manchmal muss man dazu auch erst Bilder wie das des „runden Tisches" verwenden, an welchem das Gespräch stattfindet. Jeder Mensch weiß, dass man ein Gespräch zunächst einmal wieder in Gang bringen muss, wenn man, wie häufig im Konflikt, nicht mehr miteinander redet. Das Bedürfnis, dass einem dabei geholfen wird, ist bei den Menschen vorhanden, sodass für meine Tätigkeit Verständnis aufgebracht wird.

In der Mediation arbeitet man vom Standpunkt der humanistischen Psychologie und der Kommunikationswissenschaft aus, da wir letztendlich so gestrickt sind, dass die Gefühle den Menschen beherrschen. Blende ich das aus, dann fehlen mir bestimmte Entscheidungskriterien, da nämlich die Gefühle derart stark sind, dass man ausschließlich mit reiner Rationalität nichts erreicht.

Man hat erkannt, dass man den Konflikt nicht ...

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