Logopädin

Logopäden arbeiten mit Menschen, die Schwierigkeiten im Bereich der Sprache und des Schluckens haben. Diese junge Frau ist als selbständige Logopädin voll und ganz zufrieden, da sie zusammen mit ihrer ehemaligen Chefin eine eigene Praxis führt und ihren Arbeitsalltag weitgehend autonom gestalten kann. Sie berichtet von Patienten, der Arbeit, deren Auswirkung auf ihre Wahrnehmung und der Hoffnung, vom Gesetzgeber kein Steine in den Weg gelegt zu bekommen.

Sie ist Anfang dreißig, ledig und arbeitet seit sieben Jahren in ihrem Beruf.

Meine Tante ist ebenfalls Logopädin, weshalb sie bei Treffen immer wieder mal etwas aus ihrem Beruf erzählte. Ich wollte schon immer irgendetwas mit Medizin machen. Ein Medizinstudium wollte ich nicht Angriff nehmen und ich denke, dass dies mit meinem Abiturschnitt auch etwas schwierig geworden wäre. Meine Erfahrungen mit der Logopädie stützen sich unter anderem auf die Zeit als ich vierzehn war, da ich damals selbst wegen eines Problems beim Schlucken bei einer Logopädin in Behandlung war. Ich selbst habe erst spät angefangen zu sprechen und das zunächst auch nur sehr schlecht. Daher hatte ich schon immer Mitleid mit Kindern, die ähnliche oder gleiche Probleme haben und folglich auch Interesse an dem Thema.

Ich hatte während der Ausbildung zur Logopädin noch den Plan, später in einer Klinik zu arbeiten, weil mir bereits ein Praktikum in einer solchen Einrichtung gut gefallen hat. Allerdings gab es in diesem Bereich und in meiner bevorzugten Stadt gerade keine freien Stellen und ich bin schließlich durch eine Freundin an eine Anstellung in der Praxis eines kleineren Ortes gekommen. Dort wurde gerade eine Logopädin gesucht und nachdem ich mich mit Erfolg vorgestellt hatte, begann ich da als Angestellte zu arbeiten.

Dies ging zunächst fünf Jahre lang, bis meine Chefin mir das Angebot unterbreitete, mit ihr in die Leitung der Praxis einzusteigen. Ich denke, dass, wenn dieses Angebot mir nicht unterbreitet worden wäre, ich so oder so die Praxis verlassen und mich selbstständig gemacht hätte. Diesen Weg zu gehen war aber die einfachste Methode, da ich so auf meinen Patienten­stamm zurückgreifen kann und die Praxis bereits relativ bekannt war. Das unternehmerische Risiko war auf diese Weise wesentlich geringer. Ich arbeite darüber hinaus in einem wirklich netten Team, welches sich aus den zwei Praxisinhabern und zwei Angestellten zusammensetzt.

Die Patienten brauchen wir nicht anzuwerben, da sie schon sehr zahlreich von sich aus zu uns kommen: Wir haben lange Wartelisten. Ab und zu veranstalten wir aber Infoabende für Eltern in Kindergärten und nicht zuletzt haben wir einen guten Kontakt zu den Ärzten unserer Region, die Patienten an uns weiterempfehlen. Empfehlungen laufen in unserer Branche größten­teils über Mund-zu-Mund-Propaganda.

An meinem Beruf genieße ich die Flexibilität, da ich mir selber auswählen kann, ob ich an einem Tag mal früher nach Hause komme. Es gibt fast immer viel Arbeit zu erledigen und zwei von unseren Mitarbeitern haben eigene Kinder - eine von ihnen arbeitet sogar noch in einer Logo­päden­schule. Sie sind aufgrund dessen nicht so flexibel und das bedeutet, dass ich diese Arbeitszeiten wahrnehmen muss. Dafür genieße ich aber meine Freiheiten als Selbständige und die Tatsache, dass ich meinen Urlaub nehmen kann wann es mir gefällt und ich morgens zu beliebiger Zeit anfangen kann.

Patienten und deren Behandlung

Wenn man wie ich in der Praxis arbeitet, dann hat man zu etwa siebzig Prozent mit Kindern zu tun, die Entwicklungs- und Sprachstörungen haben sowie solche mit auditiven Störungen. Meistens sind diese Kinder zugleich auch Legastheniker. Eine andere große Gruppe sind die Schlaganfall­patienten und dann noch einige andere mit Hirnstörungen oder sogar Tumoren. Ich selbst behandle auch viele Patienten mit Stimm­störungen und chronischer Heiserkeit sowie geistig behinderte Menschen. Ältere Patienten werden von mir auch zu Hause behandelt, weil viele von ihnen, gerade die Schlaganfallpatienten, eine Halbseitenlähmung haben. Alle anderen kommen zu uns in die Praxis und bei ihnen ist die Art der Behandlung sehr unterschiedlich. Es ist etwas anderes, ein zwei- oder dreijähriges Kind zu be­handeln als einen sehr alten Menschen. Bei den Kindern geht es natürlich sehr spielerisch zu und die Elternarbeit spielt dabei eine große Rolle. Bei den erwachsenen Patienten läuft die Behandlung weniger spielerisch ab.

Wenn ein Kind zum Beispiel Schwierigkeiten mit der Grammatik hat, übe ich mit ihm oder ihr bestimmte Satzmuster ein, erarbeite Wortfelder und führe im Falle einer Lautstörung Hörübungen durch. Darunter fallen beispielsweise Kinder, die Probleme haben, ein „k" richtig auszusprechen. Wir üben diese Laute zunächst spielerisch und dann in ganzen Sätzen. Dabei arbeiten wir auch mit Computern, für die es entsprechende Programme gibt. Eine Therapiesitzung dauert in der Regel etwa eine dreiviertel Stunde und findet ein bis zwei Mal pro Woche statt. Bei den Wortstörungen der Erwachsenen arbeiten wir mit Wortblättern, was aber je nach Patient unterschiedlich gehandhabt wird und nicht zuletzt von dessen Zielen ab­hängt. Ein recht junger Patient von mir wünscht sich, in den Berufsalltag zurückzukehren, weshalb ich dort sehr praxisnah arbeite und mit ihm Zeitungsartikel bespreche und Berichte schreibe. Dazu gehören auch Trainings am PC und mit dem Telefon, um ihn in kleinen Schritten beruflich wieder einzugliedern.

Einem Kind, das „nur" eine Sprachentwicklungsstörung hat, kann ich sehr gut helfen und die Erfolgsquote ist hoch, sofern keine geistige Behinderung zu Grunde liegt. Bei den neurologischen Patienten, zum Beispiel die an Parkinson Erkrankten, ist das primäre Ziel, den Krankheitsverlauf aufzuhalten und ihnen dabei zu helfen, möglichst lange selbstständig zu leben zu können. Nach einem Schlaganfall hingegen muss ich zunächst einmal schauen, wie groß die Schäden und wie weit die bisherigen Fortschritte sind. Bei solchen Patienten kann ich zwar auch prognostizieren, wie groß der Erfolg nach vielleicht drei Jahren sein könnte, dies aber nur in einem gewissen Rahmen. Gerade bei Kindern sollte man sich aber als höchstes Ziel stecken, dass die Krankheit komplett geheilt wird. Bei den Stimmpatienten muss ich darauf achten, dass sie irgendwann wieder ohne heiser zu werden ihre Stimme kräftig einsetzen könne. Das ist zum Beispiel bei Lehrern besonders wichtig. Sie alle haben mit einem großen Leidensdruck zu kämpfen, jedoch erreicht man gerade bei chronischer Heiserkeit in der Logopädie recht gute Erfolge. Das ist aber immer auch von der Motivation und Mitarbeit des Patienten und zusätzlich von dessen Konzentration, Wahrnehmungsfähigkeit und motorischer Geschicklichkeit abhängig. Des Weiteren haben viele Kinder nicht nur sprachliche Probleme, sondern auch welche in der Grobmotorik und einige leiden zusätzlich unter Aufmerksamkeitsstörungen. All dies muss für einen Behandlungserfolg mit bedacht werden.

Meine Arbeit ist in Bezug auf die Nähe zum Patienten und sicher auch in Bezug auf die Art der Praxis beispielsweise mit der Krankengymnastik vergleichbar. Andererseits ist dieser Vergleich etwas hinkend, da ich nur wenig Körperkontakt zu ihnen habe und eher mit ihnen am Schreibtisch sitze. Dafür ist der Anteil an Psychologie in meinem Beruf relativ hoch und gerade bei den Patienten, die durch Hausbesuche betreut werden, gebe ich oft Tipps zur Einnahme von Medikamenten oder zum Umgang mit den Krankenkassen, welche über die eigentliche Behandlung hinaus gehen. Manchmal bin ich sozusagen ein Sozialarbeiter, der die Patienten in Hinblick auf die Logopädie betreut.

Wahrnehmung der Aussprache

Ich denke, dass ich durch den Beruf als Logopädin manche Dinge ...

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