Leiter einer eigenen Nachilfeschule

Viele Nachhilfelehrer entscheiden sich nicht freiwillig für diesen Beruf, sondern werden aufgrund fehlender Lehrerstellen an den staatlichen Schulen dazu verdammt, freiberuflich in privaten Nachhilfeinstituten zu arbeiten. Aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage für Lehrer und den geringen Aussichten auf eine Verbeamtung hatte sich auch dieser examinierte Lehrer selbstständig gemacht. Nun, da er nicht mehr freiberuflich oder als Angestellter für andere arbeitet, hat er dies schätzen gelernt und füllt mit seinem Angebot eine Lücke im deutschen Schulsystem. Er erzählt von seinen Wettbewerbsvorteilen, dem französischen Schulsystem und Schulproblemen, die Eltern allein durch eine veränderte innere Einstellung und Kommunikation verhindern könnten.


Er arbeitet mittlerweile seit elf Jahren in der Nachhilfe, ist Anfang vierzig, verheiratet und hat ein Kind. Sein Tag ist durch die eigenen Kurse sowie durch die Leitung der Schule und Organisation der bei ihm beschäftigten Lehrer sehr ausgefüllt. Das Gespräch findet abends statt, während seine Frau gerade im Yogakurs neue Kraft schöpft. Gerade erst brachte er seine kleine Tochter zum Schlafen und hat nun ein wenig freie Zeit.

 

Bereits mit zwölf Jahren wusste ich, dass ich Lehrer werden wollte, da meine Großeltern ebenfalls beide diesen Beruf ausübten. Ich hatte die Möglichkeit, meinen Großvater beim Unterricht zu beobachten und in den Sommerferien brachte er mir manchmal auf eine ganz andere Art und Weise als in der Schule Lesen und Schreiben bei. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich auch Lehrer werden will, denn er war mein großes Vorbild.

Später studierte ich die Fächer Romanistik und Gesellschaftswissenschaften auf Lehramt und im Jahr 1993 war ich mit dem zweiten Staatsexamen fertig. In den darauf folgenden Jahren habe ich als Lehrer gearbeitet und mich für den Staatsdienst beworben. Mein Ziel war es, verbeamtet zu werden. Ich bewarb mich drei oder vier Jahre lang für den Staatsdienst in den unterschiedlichen Bundesländern, so auch in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz sowie in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Bewerbungen dauerten bis in das Jahr 1996 an, denn es war nicht einfach, eine feste Stelle als Lehrer zu bekommen. Irgendwann habe ich dieses Ziel aufgeben und mit der Idee gespielt, mich selbstständig zu machen. Ich war seit 1993 in einer Nachhilfeschule tätig und der damalige Chef hatte mir angeboten, mich bei der Eröffnung einer eigenen Nachhilfeschule zu unter­stützen. So rechnete ich ein viertel Jahr die finanziellen Angelegenheiten gründlich durch und habe mich schlussendlich zur Eröffnung der Schule entschlossen.

Der Unterschied zu einem klassischen Lehrerberuf liegt für mich darin, dass ich als Leiter einer Nachhilfeschule keine Person mehr über mir stehen habe. Ich kann alle Entscheidungen selbst treffen, wähle mir mein Lehrpersonal, das ich einstelle, selbst aus und arbeite sie so ein, wie ich es mir vorstelle. Dazu biete ich Schulungen, Workshops und Seminare an, die ich im Ver­bund mit zwei oder drei Kollegen anderer Nachhilfeschulen abhalte.

Aufgabenbereiche in der Nachhilfeschule

Nun unterrichte ich bereits seit einiger Zeit in meiner eigenen Nachhilfeschule im Einzel- wie auch im Gruppenunterricht. In meinen von mir studierten Fächern gebe ich Einzelunterricht bis zur dreizehnten Klasse, in anderen Fächern, wie zum Beispiel in Mathematik, nur bis zur neunten Klasse. Im Bereich des Gruppenunterrichts betreue ich zwei Mittelstufe-Gruppen in den Fächern Englisch und Französisch. Zudem springe ich teilweise als Vertreter für Lehrkräfte kleinerer Gruppen von Grund­schulkindern ein. Der Vorteil meiner Arbeit liegt darin, dass ich vor allem im Einzelunterricht die Schüler wesentlich besser kennenlernen und auch in Gruppen eine wesentlich bessere individuelle Hilfe anbieten kann, weil diese viel kleiner sind. Das ermöglicht mir wiederum leichter die Gründe und Hemmnisse für bisheriges mangelndes Lernen zu erkennen.

Ich vermittle in meiner Schule gar nicht so sehr neue konkrete Fachkenntnisse, sondern betreue die Kinder beim Wiederholen, Nacharbeiten und Vorbereiten auf Prüfungen. Darüber hinaus biete ich ihnen psychologische Unterstützung an. Manche Kinder neigen nämlich dazu, sich selber fertig zu machen und zu denken, dass sie für eine Aufgabe zu blöd seien. Unter den Kindern, die ich unterrichte, ist glücklicherweise keines mit echten Lernproblemen, einer Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie. Meine Hauptaufgabe ist daher im Bereich der Motivation zu arbeiten, das heißt die Kinder einerseits positiv auf das Lernen einzustimmen, andererseits eine Struktur in der Nachhilfe zu schaffen, die das selbstständige Lernen fördert und einfordert. Auf diese Weise zeige ich den Schülern, dass sie die Probleme bewältigen können und sie merken, dass ich an sie glaube. Sie in eine eigenständige Lernphase hinein zu begleiten ist sehr wichtig.

Ich erinnere mich an eine Situation in einer Probestunde, die dazu da ist, die fachlichen Probleme eines Schülers einzuschätzen. Es ging um einen Drittklässler, der nicht bei seinen eigenen Eltern, sondern bei den Großeltern aufgewachsen ist, was sicherlich kein guter Start in eine erfolgreiche Schullaufbahn darstellt. Er verhielt sich gegenüber seiner Oma des Öfteren körperlich gewalttätig. Für sie ist das bei einem Drittklässler sicher nicht so dramatisch, aber ich erahnte bereits anhand dieser Vorbedingungen die Probleme und dachte unter anderem über verhaltenstherapeutische Maßnahmen nach.

Es ist für das Ziel der Nachhilfe wichtig herauszufinden, was die Kinder wollen und was ihr eigenes ist. Das bedeutet, nicht nur mit den Eltern über die fachliche Einschätzung zu sprechen. Man muss auch die Meinung der Kinder, zwar nicht unbedingt vor den Eltern, aber in der Gruppe einholen, um ihnen deutlich zu machen, dass sie ernst genommen werden. Auch die fachliche Rückmeldung an die Eltern sollte im Beisein der Kinder gegeben und Fehler direkt mit ihnen besprochen werden. Es gibt Kinder, die der Meinung sind, dass eine Vier oder Fünf in Mathematik verträglich sei, weil sie diese durch etwas anderes ausgleichen können und sie für den „Idioten" von Lehrer so oder so nichts können. Aber vielleicht wollen sie unbedingt ihre Fünf in Englisch beseitigen, weil es ihnen aus einem bestimmten Grund wichtig ist. Eine solche Einstellung bietet gute Voraussetzungen, die Kinder zu unterstützen. Wenn sie auf dem Abschlusszeugnis auf jeden Fall eine Vier in Englisch haben wollen, dann kann ...

 

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