Landwirt

Viele Menschen werden von diesem Beruf abgehalten, weil sie nicht bereit sind, bei jeder Witterung im Freien hart anzupacken, sich dabei die Hände schmutzig zu machen und eventuellen organischen Gerüchen ausgesetzt zu sein. Dieser Landwirt legt dar, dass dies gar nicht die wirklichen Herausforderungen sind: Vielmehr verlangt der Beruf die Gabe eines Multitalents ab, um neben der landwirtschaftlichen Arbeit auch alltägliche Handwerksarbeiten selbst erledigen sowie betriebswirtschaftliche Vorgänge selbst abwickeln zu können. Dazu komme ein notwendiges Gespür für den Markt, um sich auf lukrative Landwirtschaftserzeugnisse zu spezialisieren. Alleine vom Getreideanbau könne er nämlich nicht leben.

Dieser Landwirt ist Ende fünfzig, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er begann seine Lehre zum Landwirtschaftsgehilfen vor fünf­undsechzig Jahren und ergänzte diese Ausbildung mit dem Meistertitel. Das Gespräch findet an einem Samstag in der Wohnung statt, die sich direkt auf dem Hof befindet. Beim Aufgang in die Wohnung im zweiten Stockwerk duftet es nach geräucherter Wurst, die im Keller gelagert und hergestellt wird. Es herrscht Hektik. Der Landwirt ist in Zeitdruck, weil noch viel Arbeit auf ihn wartet, zumal am morgigen Tag eines der regelmäßigen Hoffeste stattfindet, das eine Möglichkeit darstellt, die eigenen Produkte direkt an Kunden zu verkaufen. In der Küche backt seine Frau Kuchen, die die Spezialität des Hauses, Spanferkel, für die Nachmittagsstunden am morgigen Sonntag ergänzen werden.

Meinen Spanferkelbetrieb begann ich als normalen landwirtschaftlichen Betrieb. Zu dieser Zeit betrieben wir nur Ackerbau und züchteten Schweine, die als ausgewachsene Schweine zum Metzger gegeben wurden. Im Jahre 1964 habe ich in diesem Betrieb angefangen, bis dahin gehörte er noch meinem Vater. Es stand damals die Frage im Raum, ob ich Interesse hätte, den Hof weiterzuführen. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich hatte keine Wahl und musste quasi Interesse haben, denn es war von Anfang an klar, dass ich den Hof weiter führen solle. Letztendlich hat es mir aber auch Spaß gemacht. Schön ist, dass am Ende der Arbeit immer auch der Erfolg sichtbar wird - ganz anders als manche Berufe, bei denen man nur arbeitet ohne Erfolge zu sehen.

Mein Beruf ist vielseitig. Man muss viele Fähigkeiten besitzen, denn von Schweiß- über Bastelarbeiten bis hin zu elektrischen Installationen ist alles dabei. Wenn ich diese Arbeiten nicht machen könnte, wäre ich oft aufgeschmissen, denn man zahlt eine ganze Menge Geld, wenn man sie von anderen machen lässt. Hinzu kommt, dass man zu bestimmten Zeiten, beispielsweise am Samstagabend, selten jemanden findet, der die Reparatur ausführt. Ich schaue Handwerkern ganz schön auf die Finger, um es später selbst zu können. Bereits als Jugendlicher habe ich häufig an vielen Dingen herumgebastelt. Schreinerarbeiten auszuführen war mein Hobby. Die Zucht von Schweinen alleine lohnte sich nicht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, daher habe ich mich weiter spezialisiert - im Bereich Spanferkel. Das war damals eine Marktnische.

Da ich schon früh beim Schlachten dabei war, bekam ich einen Einblick in die Arbeit. Da musste ich schon aufmerksam zusehen. Wenn man so etwas selber machen will, stellt sich natürlich das Problem der entsprechenden Räumlichkeit und der zahlreichen Auflagen. Wenn sich ein solcher Betrieb dann noch lohnen soll, muss man ihn entsprechend groß einrichten. Ich wollte aber keine wahnsinnigen Massen produzieren, sondern mich auf die Vermarktung derjenigen Menge konzentrieren, die den örtlichen Bedarf deckt. Wir schlachten selbst und vermarkten selbst. Wir geben die Tiere nicht zur Schlachtung an Metzger oder zum Verkauf an Supermärkte.

Getreide für die Tiere

Die Produkte, die auf dem Feld erzeugt wurden, müssen im Betrieb weiter veredelt werden. Das waren am Anfang nur Rüben und Kartoffeln, als die Fläche noch kleiner war und ich mehr Zeit hatte. Man kann mit einem Hektar Kartoffeln eine ganze Menge Schweine halten, aber der Aufwand ist auch höher als beim Getreideanbau. Später bot sich dann die Möglichkeit, die Fläche des Betriebs zu vergrößern. Bei einer vergrößerten Fläche benötige ich jedoch wiederum Extrazeit, diese Fläche mit Kartoffeln und Rüben zu bewirtschaften und somit investierten wir später mehr Zeit in die Schweinehaltung. Dafür haben wir auf reines Getreidefutter umgestellt, das heißt Gerste, Weizen und Mais. Ursprünglich waren es, wie gesagt, Rüben und Kartoffeln und dies war geschmacklich bestimmt genauso gut, vielleicht sogar besser. Allerdings ging es damals auch um den Verkauf der Waren, während heute das Getreide komplett an die Schweine verfüttert wird. In Jahren, in denen der Getreideertrag überdurchschnittlich ist, haben wir unter Umständen sogar etwas für den Verkauf über. Aber im Normalfall wird das gesamte Getreide weiterverwertet. Dies ist auch sinnvoller, denn wenn ich das Futter verkaufe, erhalte ich nicht so viel Erlös, als wenn ich davon die Schweine füttere.

Spezialisierung, Subvention und Geschäftsausbau

Man muss beim Aufbau des Betriebes darauf achten, wo er gelegen ist. Möchte ich Schweine halten, dann brauche ich auch das entsprechende Futter dazu und den entsprechenden Boden. Ein noch krasseres Beispiel ist, wenn ich Kühe oder Rinder halten möchte, denn das geht am besten in den Bergen, da dort bereits das richtige Futter wächst. Die Schweinehaltung ist aus demselben Grund nur im Flachland möglich. In einer Wiesengegend muss ich zwangsläufig Rinder oder Kühe halten, und da es diese Wiesen hier nicht gibt, hatte ich auch noch nie Kühe oder Rinder. Meine Eltern hatten ganz am Anfang mal welche, vor unserer Aussiedlung, aber das waren nur sehr wenige. Man sollte sich auch nicht auf zu viele verschiedene Bereiche einlassen, da man sich sonst leicht verzettelt. Denn für jede Spezialisierung braucht man Maschinen und die entsprechende Zeit. Ich war schon beim Aufbau des Hofes dabei und habe mitbekommen, dass mein Vater schwer zu kämpfen hatte. Die Wahl fiel dann auf Schweinezucht, denn dafür gab es früher die Empfehlung und die damit verbundenen Zuschüsse, be­ziehungsweise billigen Darlehen. Dies hier war der erste Betrieb in der näheren Umgebung, der nur auf Schweinehaltung ausgelegt war.

Den Wechsel in einen anderen Beruf halte ich für eine schwierige Angelegenheit. Ich könnte die Produktion wechseln, beziehungsweise etwas Neues mit hinzunehmen, um besser an den Endverbraucher zu kommen. Aber hier ist meine Arbeit. Seit kurzem steht eine Wohnung im Haus leer und wenn sie leer steht, wird sie nicht besser. Da es meiner Frau Spaß macht, sie zu vermieten, bieten wir nun auch den Service einer Pension. So ergeben sich automatisch Nebengeschäfte. Ein weiteres Geschäftsfeld ist beispielsweise das Hoffest, welches wir seit kurzem regelmäßig veranstalten und so an bestimmten Wochenenden einen weiteren Absatz erzeugen.

Beziehung zu den Tieren

Zu den Tieren baue ich keine besondere Beziehung auf. Zu einigen Ebern haben vielleicht manche aus der Familie eine Beziehung, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich so etwas nie habe. Ich finde das Schlachten zwar traurig, mache dann aber schnell weiter mit den Arbeiten, die auf dem Feld oder bei der Fütterung zu erledigen sind. Ich will keine Beziehung zu den Tieren aufbauen, denn müsste ich sie dann schlachten, würde es mir leidtun. Ich neige nicht dazu, meinen Betrieb auf solche Gefühle aufzubauen, sondern sehe eher das Geschäft. Dennoch versuche ich sehr wohl, die Tiere artgerecht zu halten, hüte mich aber davor, eine Beziehung aufzubauen, wie zum Beispiel zu einem Hund. Ich könnte nicht einmal sagen, ob das Gerücht, Schweine seien besonders schlaue Tiere, stimmt. Ich übe meinen Job aus, um die Familie zu ernähren, damit wir alle unser Auskommen haben und gut leben können.

Arbeitszeit und Tagesablauf

Ich habe keine geregelte Arbeitszeit, da bin ich flexibel. Es gibt Tage, an denen ich um vier Uhr aufstehen muss und dann gibt es solche, an denen ich bis um acht liegen bleibe. Das sind aber Ausnahmen. Wenn man das frühe Aufstehen gewöhnt ist, dann läuft das Aufstehen fast wie von selbst ab. Wenn ich nicht gerade um vier oder halb fünf aufstehen muss, brauche ich mir auch keinen Wecker zu stellen, denn ich wache um sechs oder halb sieben von selber auf. An den meisten Tagen beginnt die Arbeit mit der Fütterung der Schweine morgens um acht Uhr. Erst werden die Muttertiere mit den Kindern versorgt und anschließend sind die Mastschweine an der Reihe. Das nimmt, je nach Aufwand, zwei bis drei Stunden Zeit in An­spruch. Abends gegen fünf oder halb sechs werden die Muttertiere erneut gefüttert. Die Masttiere hingegen, die bald zum Metzger sollen, werden nur einmal am Tag gefüttert. Dabei handelt es sich um einen Automaten, an dem sie den ganzen Tag über fressen können, bis er leer ist. Die Feldarbeit oder sonstige Arbeiten am Hof sind zusätzlich und müssen nach Bedarf ausgeführt werden. Das Futter wird in den Silos gelagert und je nach Bedarf in den Hofbereich umgelegt, wo es gemischt wird. Ich fahre mein Futter nicht weg, sondern lasse es hier auf dem Hof, da das Auslagern unnötig Zeit und Geld kosten würde. Auf diese Weise kann man Geld sparen.

Als Landwirt ist man auf eine gewisse Menge an Niederschlag angewiesen. Das ist, neben der Wärme zur richtigen Zeit, die Grundvoraussetzung, damit überhaupt irgendetwas wächst. Vor einiger Zeit hat es beispielsweise fünf oder sechs Wochen nicht geregnet, sodass ich keine Feldarbeit ausführen konnte. Der Boden war so hart, dass ich mit der Maschine erstens einen höheren Zeitaufwand und zweitens einen höheren Kraftstoffverbrauch gehabt hätte. Hinzu wäre die schlechte Wahrscheinlichkeit gekommen, dass ...

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