Künstler

Künstler als Berufung - das ist keine außergewöhnliche Erkenntnis. Doch als freischaffender Maler arbeiten und damit genug für seinen Lebensunterhalt verdienen? Was nur wenigen vorbehalten zu sein scheint, ist diesem Maler gelungen, wenngleich das Thema Finanzen noch immer regelmäßig viel Nerven abverlangt. Zwar erkannte er seine Begabung erst spät, richtet aber seit dem Tag der Entscheidung alle Energie in das künstlerische Schaffen. Er beschreibt hier, was es benötigt, sich als Künstler zu etablieren und wie der Schaffensprozess bei ihm aussieht beziehungsweise welche Rahmenbedingungen ein gutes Gelingen unterstützen.

Er ist Anfang fünfzig, ledig ohne Kinder und bereits seit dreißig Jahren in diesem Beruf. Das Gespräch findet abends in einem Atelier mit zwei großen Räumen im Hinterhof einer Kleinstadt statt. An der Seite des einen Raums stehen unzählige Bilder der unterschiedlichsten Formate und im Hintergrund läuft Musik seines Lieblingsmusikers Bob Dylan. Kreativität liegt in der Luft.

 

Nachdem ich mein Abitur abgelegt hatte, fehlte mir zunächst die Lust, weiterhin irgendwo herumzusitzen, wie es an einer Universität der Fall gewesen wäre. Daher begann ich eine Lehre als Landschaftsgärtner, die ich sogar beendet hätte, wenn nicht der Zivildienst meine Ausbildung unterbrochen hätte. Somit war ich gezwungen, achtzehn Monate Zivildienst als Rettungssanitäter zu leisten. Diese Tätigkeit hat vieles in mir verändert. Daher ging ich nicht in die Landschaftsgärtnerei zurück, sondern nahm ein Studium in den Fächern Deutsch und Sport auf und wollte später Lehrer in diesen Fächern werden. Während meines Studiums und bis zu meiner professionellen Tätigkeit als Künstler übte ich jedoch die Arbeit als Gärtner immer wieder nebenberuflich aus. Daneben hatte ich durch meinen Vater, der Fotograf war, in meiner Jugend quasi eine Art zweite Ausbildung genossen und so wunderten sich alle meine Bekannten, als ich meine ganze Laufbahn drehte, mein fortgeschrittenes Studium trotz Bafög-Höchstsatz abbrach und plötzlich Künstler wurde. Zuvor hatte ich an der Uni in die Kunstfächer hineingeschnuppert und diese gefielen mir derart gut, dass ich meine bisherige Universität verließ und mich an einer Kunsthochschule, wo man nebenberuflich studiert, einschrieb.

Es gibt offizielle Kunstakademien, wobei ich mich für eine Akademie für Werkkunst entschied, wo ich den Abschluss des Grafikdesigners erwarb, also Diplom-Grafiker wurde. Dennoch war das Studium eigentlich ein Kunststudium, bei dem ich von erfahrenen Künstlern ausgebildet wurde, und den ganzen Bereich der Grafik machte ich eigentlich eher nebenher. Somit kann ich zwar heute in der Grafikgestaltung arbeiten, habe jedoch eigentlich Kunst studiert. Während meines Studiums arbeitete ich eine Zeit lang für meinen Vater, der schwer krank geworden war. Daher musste ich das Studium notwendigerweise reduzieren, was mir den Spaß daran jedoch nicht nehmen konnte. Die Verbindung zur Hochschule habe ich bis heute aufrecht erhalten und in Kürze werde ich mit meinem ehemaligen Professor eine Ausstellung organisieren. Obwohl dieser früher nie viel mit seinen Studenten unternommen hat, entschied er sich im hohen Alter anders und so bekam ich von einem Studenten neulich einen Anruf und wurde gefragt, ob ich Interesse hätte, an der Ausstellung teilzunehmen. Darüber freute ich mich sehr. Alles in allem war dieses Studium für mich sehr lohnenswert. Ich studierte insgesamt fünf Jahre und musste mir das nahezu komplett selbst finanzieren, sodass ich ein Semester länger als üblich benötigte. Mein Vater unterstütze mich zwar soweit er konnte, aber leider reichte das kaum aus. Die Folge war, dass ich den Großteil der Kosten neben dem Studium selbst verdienen musste.

Anfänge des Künsterdaseins

Meine Künstlerkarriere begann ich mit einer großen Reise nach Asien - damit bediene ich wohl einige Klischees (lacht). Ich wollte schon immer mal eine große Reise machen und für mich bot sich dafür nur die Zeit nach dem Studium an, da ich insgesamt vier Monate weg sein wollte, was während des Studiums nicht zu organisieren gewesen war. Ich zog mit dem wenigen Geld, das mir zur Verfügung stand, durch Ostasien und bereiste viele Länder, wie zum Beispiel Thailand oder Malaysia. Zu dieser Zeit war ich mir noch nicht sicher, ob ich freiberuflich, also als freier Künstler, oder als festangestellter Grafiker arbeiten wollte, weil ich einige Freunde und Bekannte hatte, die mich in diesem Bereich beschäftigt hätten. Zwar arbeitete ich dann noch einige Zeit als Grafiker, allerdings nur, um Geld zu verdienen. Ich hielt mich eher an die Ermutigung meines alten Professors, der mir riet, hauptberuflich als freier Künstler zu arbeiten, um diese Tätigkeit „richtig" und nicht, wie viele Künstler, nur nebenher auszuüben. Von meiner guten Grundausbildung zehre ich noch heute, sodass ich mit besonderer technischer Sicherheit künstlerisch tätig bin. Vielen jüngeren Künstlern fehlt diese fundierte Ausbildung.

In der Anfangszeit war es schwer, als Künstler Geld zu verdienen, sodass ich jeweils nach drei Monaten malen immer für drei Monate arbeiten musste, um meine Ausgaben decken zu können. Die finanzielle Situation eines Künstlers kann zu den tragischsten Geschichten seiner Karriere gehören. Mit der Zeit, in den frühen neunziger Jahren, war ich zwar relativ erfolgreich, konnte viele Werke verkaufen und war somit finanziell abgesichert. Aller­dings gab ich irgendwann meine damalige Art zu malen auf, weil sie mir nicht mehr gefiel und ich eine andere Art zu malen fand, die mein Interesse geweckt hatte. Dadurch war meine Situation wieder schwieriger und obwohl ich einige Kunden für die neuen Bilder fand, war meine finanzielle Situation teilweise grenzwertig.

Da brachte mich ein damaliger Freund auf die Idee, Kunst für Erwachsene zu unterrichten. Mir gefiel diese Idee besser, da ich auf diese Weise mein Geld mit einer Arbeit verdienen könnte, die mehr mit meiner Tätigkeit zu tun hat. Das war eine Lösung, um nicht mehr nebenher in der Gärtnerei oder, damals ebenfalls, für Versicherungen zu arbeiten. Ich bewarb mich also bei einer Volkshochschule und wurde genommen, wenngleich zu Beginn nur etwa drei Leute in meinem Kurs saßen. Außerdem war diese Arbeit für mich eine große Umstellung, da ich quasi einen Hausfrauenkurs leitete, dessen Teilnehmer Blumen und Stillleben malen wollten. Auch erkannte ich in Umfragen, dass die Menschen am meisten Landschaftsmalerei und Figuren interessieren. Eigentlich wollte ich, dass Kursteilnehmer bei mir nicht einfach nur Malen lernen, sondern spezialisierte Kenntnisse vermittelt bekommen können, wie der Ausbau von handwerklichen Fertigkeiten oder die Schulung der eigenen Wahrnehmung.

Mir war es aber wichtig, dieses zweite Standbein im Bereich des Unterrichtens gut auszubauen, da ich Künstlerkollegen kenne, die mit ihrem Beruf alleine gnadenlos gescheitert sind. Viele von ihnen starteten sogar als Maler ohne Studium oder Weiterbildung. Im Laufe der Zeit, der Zeitraum belief sich auf zehn Jahre, lief es mit den Kursen immer besser und die Nachfrage stieg stetig. Mittlerweile ist mein Unterricht derart gefragt, dass ich sogar alleine von diesen Seminaren leben könnte. Auch die Volks­hochschule, an der ich unterrichte, fragt mich stets nach Zusatzkursen, allerdings kann ich meine pädagogische Tätigkeit nicht so weit ausdehnen, da meine Kunst ebenso Raum und Aufmerksamkeit verlangt. Im Gegensatz zu früher kann ich heutzutage bereits im Voraus mit einem ausgelasteten Wochenendkurs rechnen, sodass ich mich nicht mehr, wie manchmal früher, umsonst für diesen vorbereite.

Käufer und Kaufpreis

Erst nach einiger Zeit als Künstler kam ich über meinen ehemaligen Professor an die Möglichkeit, meine Werke auf einer Ausstellung zu zeigen. Zur Anfangszeit war es deshalb sehr wichtig, neue Beziehungen aufzubauen, zum Beispiel durch Freunde aus der Kunst- und Theaterszene. Ich hatte damals ein kleines Atelier, welches zur Straße hin völlig verglast war. Es war darin immer kalt und die Toilette in einem anderen Stockwerk. In diesem Atelier traf ich viele Freunde und andere Menschen, um Kontakte zu knüpfen, die ja für einen frei schaffenden Künstler das Wichtigste sind. Über diese Kontakte kam ich an meine ersten Käufer. Einst kam ein Mann mit seiner Frau zu mir, der Kunst sammelte und sich für meine Bilder in­teressierte. Er war mein allererster Kunde und wurde im Laufe der Jahre zu einem meiner wichtigsten Abnehmer - inzwischen sind wir sogar gut miteinander befreundet.

Später begann ich, ganz gezielt Leute zu meinen Ausstellungen einzuladen. Weitere Käufer fand ich durch eine Bewerbung bei einer großen Künstlergruppe in meiner Umgebung. In einer solchen Gruppe zu sein bedeutet für einen Künstler, dass er in regelmäßigen Abständen an großen Ausstellungen teilnehmen und sich mit der Zeit auch eine eigene kleine Ausstellung aufbauen kann. Die Mitgliedschaft verschaffte mir das nötige Renommee, um an Käufer zu kommen, zu denen ich unter anderen Umständen nie hätte in Kontakt treten können. Bei meinen Ausstellungen liegt immer ein sogenanntes Ausstellungsbuch herum, in das sich potentielle Kunden eintragen können. Auf diese Weise zeigen sie Interesse an meinen Bildern und ich kann sie zu weiteren Ausstellungen erneut einladen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ein Künstler neunzig Prozent seiner Bilder an Leute verkauft, die aufgrund guter Ausstellungen direkt zu ihm ins Atelier kommen.

Eigentlich müsste ich mehr Ausstellungen organisieren, allerdings bedeutet dies für mich, dass ich dann weniger Zeit zum Malen hätte. Dies ist ungünstig, weil ich relativ lange für das Herstellen eines Bildes brauche und noch länger, bis ich eine gute Ausstellung zusammen habe, weshalb zwischen zwei Ausstellungen mindestens ein Jahr Pause liegt, da ich sonst keine hohe Qualität anbieten kann. Dies ist natürlich in einem gewissen Anspruch an mich selbst begründet und darüber hinaus habe ich ein bestimmtes Konzept, nachdem ich eine Ausstellung gestalte. Ich richte mich dabei auch nach der Architektur und Gestaltung der Räumlichkeiten, wo ich ausstellen werde. Dort suche für jedes Bild einen geeigneten Platz im Raum. Ich passe die Bilder und auch deren Preise den örtlichen Gegebenheiten an, sodass ich für meine nächste Ausstellung, die in einem recht großen Raum stattfinden wird, große Bilder benötige. Das passende Zusammenspiel zwischen Architektur und Kunstwerk ...

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