Klinikfriseurin mit Perückenfachgeschäft

Klinikfriseurinnen haben mit kranken Menschen zu tun, die trotz ihres Schicksals weiterhin durch ein gesundes Aussehen in unserer Gesellschaft integriert bleiben wollen. Die Begriffe krank und gesund sind diskussionswürdig, werden jedoch hier aus dem üblichen Gesprächsgebrauch übernommen. Die hier vorgestellte Klinikfriseurin hat klein angefangen. Bei einfachen Dienstleistungen als Friseurin im Krankenhaus hat sie ihre Liebe zum Frisieren von Perücken entdeckt und ist nun stolz auf ihren Werdegang. Mit den mittlerweile fünf Läden ihrer Kette hat sie zwar für ihr Auskommen gesorgt - das aber war nicht immer so. Krankenkassen, Konkurrenz und Klinikalltag legten ihr immer wieder Steine in den Weg, die es beiseite zu räumen galt.

Vor dem Interview in Ihrem Geschäft wird eine Kundin noch fertigfrisiert und eine weitere im Nebenraum beraten. Überall hängen Perücken an den Wänden, auf Köpfen von Schaufensterpuppen. Eine Wand ist ganz mit Kartons (ähnlich, aber schmaler als Schuhkartons) zugestellt, in welchen sich eine Vielzahl weiterer Perücken vermuten lassen.

 

Ich bin 58 Jahre alt, habe 1970 am Klinikum als Klinikfriseurin angefangen, bin dort über die Stationen gelaufen und habe den Menschen die Haare geschnitten und sie rasiert. Als ich damals gesagt habe, ich will als Klinikfriseurin arbeiten, haben sich alle tot gelacht. Sie haben wohl gedacht, in einem halben Jahr bin ich arbeitslos. Aber so ist es nicht gekommen und ich habe den Job daher keine Sekunde bereut. Zu dem Job bin ich gekommen „wie die Jungfrau zum Kind". Ich bin den ganzen Tag in der Klinik von Zimmer zu Zimmer gehüpft und habe die Patienten gefragt, ob sie dort den Service einer Friseurin bräuchten.

Ich konnte mir damals meine Zeit selber einteilen - an dem einen Tag habe ich mehr, an dem anderen weniger gearbeitet. Durch Fleiß wurde ich von einer Klinik an andere weiter empfohlen und so kam ich zufällig in den Bereich der Chemotherapie, die 1970 noch in den Kinderschuhen steckte. Dort habe ich dann bemerkt, dass es ein anderes Feld ist, eines, das mir ge­fällt. Es macht mir Freude, Menschen Kraft zu geben und deshalb habe ich dann die Perückenstudios eröffnet. Ich habe das auch getan, weil ich in die Selbstständigkeit wollte, aber dafür kein Geld hatte, da meine Mutter Witwe war. Mittlerweile habe ich fünf dieser Studios, aber damals, mit zwanzig Jahren, habe ich ganz klein angefangen. Leider haben zwei meiner Töchter, die eine studiert und die andere ist Beamtin, keinerlei Interesse an der Kette, aber ich habe noch ein kleines Nesthäkchen, sie ist fünfzehn, welche ab September in unsere Firma geht.

Ich selber schneide mittlerweile keine Haare mehr, das macht mein fünfköpfiges Team. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Arbeit mit den Perücken eine ganz andere Sparte ist als nur den ganzen Tag Haare zu schneiden. Man muss nämlich dort auch verkaufen und nicht nur arbeiten, bis die Finger blutig sind. Die Erfahrung in dem Beruf habe ich dann durch Schulungen und Messebesuche gesammelt. Ich habe auch mal mit einer anderen Firma zusammengearbeitet, aber als diese größer wurde, war das für mich indiskutabel. Damals habe ich die Menschen mit dem Auto aus der Klinik abgeholt, ihnen in der Firma die Perücken fertig gemacht und sie dann wieder zurückgefahren. Ich musste unterschreiben, dass ich die Ver­antwortung für diese Personen trage. Aber wenn man dann einmal selber Blut gerochen hat und auch sieht, dass man es ganz anders machen kann, dann beendet man eine solche Zusammenarbeit wieder. Ich habe danach mit einem kleinen Perückenstand in der Chirurgie angefangen, später in einer weiteren Klinik einen Stand eröffnet und auf diese Weise ist das Geschäft langsam angelaufen. Meine Tochter wird es da viel schwerer haben, denn sie muss all das lernen, was ich über Jahre in meinem Kopf angesammelt habe.

Ein junger Friseur, der ein eigenes Geschäft aufmachen möchte, kann natürlich nicht mit nur einem Verdienst von 1.500 Euro im Monat zur Bank gehen und sich einen Kredit in Höhe von 30.000 Euro wünschen kann. Daher bekommt er Abnehmverträge von großen Friseurlieferanten auf­gedrückt und kriegt daraufhin für 50.000 bis 60.000  Euro den ganzen Laden eingerichtet. Weil die jungen Friseure aber kaufmännisch noch nicht viel wissen, sind sie oft auch wieder ganz schnell weg vom Fenster. Meine Herangehensweise war da viel effektiver.

Die Perücken die ich hier habe, fangen bei 250 Euro das Stück an, dies ist schon ein gutes Kapital, das ich auch vorweisen kann. Im Einkauf zahle ich das natürlich nicht, denn je mehr ich einkaufe, desto bessere Konditionen kann ich aushandeln. Die Perücken kommen natürlich alle aus Fernost. Europäische Perücken sind viel zu teuer. Das sind handgeknüpfte Perücken, die bei mir 450 Euro kosten. Ich arbeite mit allen Firmen, die es in dieser Branche gibt, zusammen und ich such mir bei jedem die Rosinenstückchen aus. Meine Tochter durfte, als sie zur Zeit des Abiturs in einem meiner Läden gearbeitet hat, zwar alles ausprobieren, aber niemals an die Computer für den Einkauf.

Freude, Kreativität und Menschlichkeit bei der Arbeit

Es ist eine Arbeit, wo man viel Menschlichkeit einbringen muss, denn die Leute kommen nach der Diagnose Krebs völlig verzweifelt zu mir. Ich ver­suche sie aufzufangen und ihnen ihr Selbstwertgefühl wieder zu geben. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Leute nicht einfach nur herein zu bitten und ihnen eine Perücke aufzusetzen, sondern vielleicht ein kleines Vorgespräch zu führen oder sie zu einer Tasse Kaffee einzuladen. Denn eine Perücke ist nicht wie eine Frisur, die man einfach herunter waschen kann, sondern sie ist eine Versorgung von mindestens acht Monaten, die diese Leute benötigen. Die betroffenen Menschen gehen physisch aufgrund ihrer Bestrahlung und Chemotherapie durch die Hölle, daher versuchen wir die Ärzte zu unterstützen, indem wir etwas Menschliches einbringen. Ich bin mit dem Fahrrädchen zur Klinik gefahren, später mit dem Moped. Oft ist mir zwischendurch die Tasche heruntergefallen. Später habe ich mir dann ein kleines Auto gekauft und irgendwann danach einen BMW - und so hat sich dies immer weiter gesteigert.

Wir betrieben auch einen Laden in einem Altenheim, wo die Menschen alle völlig dement sind, und dort sind, wenn es zu Hause gar nicht mehr klappt. Wenn Sie in ein Altenheim gehen, egal welches, finden sie ganz wenige Menschen die noch in der Lage sind, irgendetwas alleine zu tun. Dieses Jahr im November eröffnen wir einen Laden in einem Exklusivaltenheim. Dort haben sich viele Leute gemeldet, die einen Laden dort eröffnen wollten. Da ich aber eine langjährige Erfahrung habe und die Leute mit unserer Arbeit zufrieden sind, wurden wir anstatt einer Friseurkette gewählt. Wir sind schon oft eingeladen worden, zu verschiedenen Anlässen. Sogar schon von einem Scheich in ein Hotel, auch wenn wir das Angebot nicht angenommen haben. Auf diese Weise haben sich durch meinen Job auch immer mal wunderbare Freundschaften ergeben. Es ist also nie langweilig, wie zum Beispiel in einem Salon, wo immer der gleiche Ablauf ist. Die Menschlichkeit über­wiegt in meinem Job, obwohl meine Frauen natürlich am Ende des Monats ihren Lohn wollen. Das ist eines meiner ganz wichtigen Anliegen. Und das versuche ich auch meiner Tochter mit auf den Weg zu geben, wenn sie das Geschäft übernimmt, dass sie nicht hart wird, sondern auch versucht, menschlich zu bleiben. Ich denke, momentan sind die Zeiten so hart, dass bei vielen Menschen die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt - und das ist schade. Wie man sieht, gibt mir mein Erfolg recht. Unser Geschäft läuft gut und wir sind zufrieden.

Ich gebe auch Frauen, die über fünfzig sind und auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben, sofern sie gepflegt, freundlich und anständig sind, in meinem Laden eine Stelle. Die Senioren sind darüber auch glücklicher, als wenn eine Zwanzigjährige dort herum hüpft. Ich bin froh und glücklich und würde keinen anderen Beruf machen, niemals. Das ist kein 08/15-Job, sondern man kann der Menschheit dadurch etwas geben und trotzdem seine eigene Familie ernähren. Ich habe den ganzen Tag auch selber Freude, weil ich kreativ arbeiten kann, beim Schminken mancher Leute. Wir konnten beispielsweise einer Ärztin helfen, die seit der Geburt keine Haare hat, indem wir ihr zur Hochzeit eine Perücke gemacht haben, bei der man nicht mehr sehen konnte, dass es keine echten Haare waren. Das ist mal was anderes. Sie ist eine gesunde Frau, die jedes Jahr kommt und sich ihre Perücke abholt und selber sagt, sie würde nirgendwo anders hingehen.

kranke und gesunde Kunden

Von hundert Patienten, die ich im Monat habe, haben neunzig Brustkrebs. Aber die Lebenserwartung bei dieser Krankheit ist steil nach oben gegangen. Ich hatte auch schon ...

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