Hebamme

Hebamme ist ein echter Frauenberuf - von Frauen für Frauen. Dieser Berufsstand hat für werdende Mütter eine wichtige Rolle, was sich auch dadurch zeigt, dass in manchen Kulturen hohe Ausgangsvoraussetzungen an Ausübende dieses Berufs gestellt werden. Die hier erzählende Hebamme zeigt auf, wie sie sich erst über Umwege für den Beruf entschieden hat, welche Sichtweisen viele Hebammen im Vergleich zu Ärzten/-innen vertreten und wie gesellschaftliche Trends die Schwangerschaft und Geburt beeinflussen. Desweiteren gibt sie hier Einblicke in persönliche Erklärungs¬versuche bezüglich der steigenden Rate an Kaiserschnitt-Geburten.

Sie ist Mitte vierzig, verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder und ist seit achtzehn Jahren als Hebamme tätig. Das Gespräch findet morgens um neun Uhr vor ihrem ersten Hausbesuch in ihrer Wohnung statt, die mit warmen Rottönen eingerichtet und in ruhiger Lage gelegen ist. Es springt eine junge Katze umher, die während des Gesprächs verspielt die Welt entdeckt.

 

Mein Weg zum Beruf der Hebamme war kein geradliniger. Bevor ich mich dazu entschied, war ich eine Zeit lang an der Uni und studierte Pädagogik, wo ich auch meinen Mann kennenlernte. Im fünften Semester brach ich aber mein Studium ab, da ich damals meinte, ich müsse etwas Bodenständigeres lernen. So begann ich eine Lehre im Bereich der Landwirtschaft und ging neben der praktischen Arbeit begleitend auf die Berufsschule. Ich arbeitete etwa ein dreiviertel Jahr auf einem biologischen Bauernhof in einem Nachbarort. Ein sehr prägnantes familiäres Ereignis führte mir später vor Augen, dass ich finanziell auf eigenen Beinen stehen sollte und in der Landwirtschaft dazu nicht genug Geld verdienen könne. Man ist nämlich als Landwirt nur dann ohne finanzielle Probleme, wenn man einen eigenen Hof hat. Da aber mein Mann schließlich Pädagogik studierte und keinen Hof besitzt, erkannte ich, dass auch dieser Tätigkeitsbereich nichts für mich sei.

Schon als Studentin arbeitete ich in der Nachtwache eines Krankenhauses und meine Mutter ist Krankenschwester, weshalb ich mir recht sicher war, dass ich diesen Beruf gut ausüben könne. Zudem hatte ich gemerkt, dass ich einen Drang zur Selbständigkeit hatte und mir diese Möglichkeit durch den Beruf der Hebamme auch offen stehen würde. Es war nicht einfach, den entsprechenden Ausbildungsplatz zu organisieren, da es für zweitausend Be­werberinnen nur fünfzehn Ausbildungsplätze gab. Dennoch hatte ich das Glück, durch meine Erfahrung und Bekanntschaften in dem von mir präferierten Krankenhaus eine Ausbildungsstelle zu bekommen Letztendlich bin ich also eher über Umwege in diesen Beruf hinein gerutscht, wobei ich Viele kenne, die schon von Kindesbeinen an Hebamme werden wollten.

Mein Schwerpunkt liegt derzeit nicht in der Geburtshilfe, sondern bei den Hausbesuchen und den geburtsvorbereitenden und schwangerschafts­begleitenden Gesprächen. Daher fühle ich mich momentan eher als Therapeutin. Es findet viel mehr das Gespräch mit Frauen statt, die kaum noch eine Ahnung haben von dem, was auf sie zukommt und die von der Kindererziehung oft nur noch aus irgendwelchen Büchern Halbwissen mitbringen. Das liegt auch daran, dass es bei uns in Deutschland keine Großfamilien mehr gibt, in denen alle Familienmitglieder für die Neu­geborenen und Kinder mit sorgen. Heute bringen Eltern ein oder zwei Kinder in kurzem Abstand zur Welt, auf die dann einige ganze Zeit lang keine Kinder folgen, bis dann lange Zeit später durch die Kinder ihrer Kinder die nächsten in die Welt gesetzt werden. Es entsteht eine große zeitliche Lücke und niemand weiß mehr, wie man mit Kindern richtig umgeht. Es gibt zum Glück auch manche Frauen, die genau Bescheid wissen und es nur noch meine Aufgabe ist, sie bewundernd zu begleiten und ihnen zu sagen, dass sie ihre Arbeit gut machen. Wenn ich nur negative Erlebnisse in meinem Beruf hätte, würde ich ihn wohl auch nicht mehr ausüben. Ich wäre frustriert und hätte keine Lust mehr. Zum Glück gibt es aber noch die Frauen, die einen guten Willen zeigen und ihr Wissen und Können auch weitergeben wollen.

Arbeit mit werdenden Müttern

An meinem Beruf finde ich gut, dass er eine große soziale Komponente hat, ich viel menschliche Nähe erfahre und, dass es ein sehr anstrengender Beruf ist. Letzteres hat nämlich zwei Seiten: Die Anstrengung macht den Beruf zwar einerseits sehr schwer, andererseits macht sie aber auch einen Reiz aus. Insgesamt ist es dennoch sehr herausfordernd, denn an Tagen, an denen ich schlecht gelaunt bin, würde ich am liebsten nur Büroarbeit verrichten und mit niemandem reden. Die Hilfestellung für andere Menschen ist aber ein Hauptbestandteil meines Berufes, sodass das Ansprechende meines Berufes, mit Menschen um für Menschen zu arbeiten auch immer mit Ein­schränkungen verbunden ist. Ich kriege aber oft ein gutes Feedback und das hält mich gewissermaßen bei der Stange. Es ist schön, seinen Erfolg oder Misserfolg bei der Arbeit direkt beobachten zu können.

Die meisten Menschen fliehen vor dem Älterwerden und somit auch vor der Phase, in der Kinder in das Leben eines Menschen treten können. Paare lernen sich kennen und planen dann meist die Kindererziehung auf lange Sicht in ihr Leben ein. Die meisten Frauen, die in meinen Geburts­vorbereitungskurs kommen, befinden sich in der Regel gerade in einer Hochphase der Beziehung mit Ihrem Partner. Für sie ist dann die Schwangerschaft eine sehr schöne Zeit und es stellt für sie und ihre Partner eine Art Wende- beziehungsweise Hochpunkt im Leben dar. Sogar für die, die schon das zweite Mal eine Geburt durchmachen, ist es jedes Mal ein einmaliges Erlebnis. Es gibt aber auch diejenigen, die mit ihrer Situation unglücklich sind, und diese bekomme ich in meinen Vorbereitungskursen gar nicht zu Gesicht, sondern erst später bei der Geburt. Es ist dann spannend daran zu arbeiten, dass auch sie wieder die Kurve kriegen und glücklicher werden.

Wenn ich Praktikantinnen habe, geben sie mir als Grund für den Hebammen­beruf häufig an, dass sie Babys so süß finden. Ich warne diese jungen Mädchen davor, ...

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