Schaffender Germanist in Rente

Germanistik wird von manchen Menschen als brotlose Kunst bezeichnet. Dieser in Deutschland lebende US-Amerikaner entschied sich für das Studium und würde sich über solch ein Klischee empören, wenngleich er sich lange Zeit nach der Universität durch Brotarbeiten über Wasser gehalten hat, die seiner Berufung überhaupt nicht entsprachen. Bis ihm dann eine fällige Lebensversicherung die Möglichkeit eröffnete, ein nicht von anderen unterstütztes Projekt in Eigenregie weiterzuführen ...

Er ist Ende sechzig, getrennt lebend und hat zwei Kinder. Wir treffen uns in seiner kleinen Zweizimmerwohnung, in der jede Ecke mit Gegenständen gefüllt ist. Auf dem Boden sind unterschiedliche Stapel mit Literatur und in den Regalen an der Wand Reihen von Büchern. Dazwischen liegen Karteien, Notizen und sonstige Blätter sowie an einer noch freien Stelle im Raum ein behängter Kleidertrockner. Der Fokus eines jeden Besuchers richtet sich je­doch auf die drei nebeneinander stehenden Computer, zwischen welchen Manuskripthalter und Bücherständer das Ablesen von alten Handschriften eines großen deutschen Schriftstellers, die ein Laie wohl eher als Hiero­glyphen bezeichnen würde, erleichtern. An der Wand neben den Computern hängen Startnummern und Erinnerungsbilder von Marathonläufen.

 Viele Germanisten wollen nur über die Ideen, Werke usw. eines Dichters schreiben, also über jemanden oder etwas. Ich nenne das salopp die „Bla-bla-Philologie". Es gibt auch Sprachwissenschaftler, die in sehr verschiedene Schulen aufzuteilen sind, welche mit Details der Sprache, Sprachgeschichte usw. arbeiten. Mich hat von Anfang an das Be­arbeiten von Texten interessiert und wie man diese zur Publikation aufbereitet. Das nennt man edieren. Die deutsche Übersetzung dieses dem Lateinischen entlehnten Wortes ist „herausgeben". Mich erfreut und erfüllt diese Arbeit mehr als irgendwelche neuen Theorien aufzustellen.

Ich bin Germanist und habe 1972 in Wien promoviert, zu einer Zeit, als ich bereits nicht mehr der Jüngste war. Aber schon mein erster richtiger Job, noch vor der Promotion (bis dahin hatte ich nur Studentenjobs), als Redaktionsassistent bei einer österreichischen Literaturzeitschrift, war eine gute Vorbereitung für meine jetzige Tätigkeit, denn dort erlernte ich manches Handwerkliche zur Bearbeitung von Texten zur Publikation. Dennoch war dies für mich nur eine Übergangstätigkeit. Mein eigentliches Interesse galt etwas anderem. Ich habe, als ich mit der Dissertation begonnen habe, gesehen, dass für eine berühmte Gestalt der deutschen Klassik eine große Lücke bei den Publikationen um und über ihn besteht: Von diesem Manne, der sehr viele Kontakte in der literarischen, wissenschaftlichen und politischen Welt hatte, gibt es keine Gesamtausgabe seiner großen Anzahl von Briefen, die diese in einen größeren Zusammenhang stellt. Es gibt zwar eine Fülle von Publikationen Editionen von Einzelkorrespondenzen, kleinere, oft ganz entlegene Quellenaufsätze und dergleichen   aber nichts in einem großen Zusammenhang, so, wie es bei fast allen anderen Größen dieser Zeit wie Goethe, Schiller, Fichte und Kant der Fall ist. Genau diese Gesamtausgabe zu erstellen (im Folgenden „Briefprojekt") hat mich sofort gereizt. Ich meinte, dass dies eine Aufgabe wäre, die erstens zwar riesig, aber zweitens interessant sei. Ich habe bereits in meiner Dissertationszeit Vorbereitungen dazu angestellt und bin mit einem prominenten Professor auf diesem Gebiet in Kontakt getreten.

Es ergab sich, dass daraufhin eine Stelle bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingerichtet und finanziert wurde: Ich hatte dabei die Aufgabe, den Briefwechsel dieses Menschen aufzustöbern, zu sichten, zu ordnen, davon Kopien zu besorgen und einen Katalog zu erstellen. Oberflächlich betrachtet war das für mich ein Traumjob und ein toller Einstieg in den selbsterwählten Beruf, was ich im Folgenden, vielleicht etwas hochtrabend, „Berufung" nenne. Aber er war, obwohl mit der Zeit immer besser bezahlt, eine Anstellung ohne richtige Zukunft: Sie war immer befristet, sodass nie die Sicherheit vorhanden war, dass es wirklich einmal zu einer Gesamtausgabe kommen würde. Das aber war natürlich das Ziel meiner Bemühungen und nicht etwa, nur einen Katalog zu erstellen, den andere wiederum für ihre Ausgabe benutzen könnten. Ich wurde aber dazu verpflichtet, das Verzeichnis zu veröffentlichen, und danach hieß es sinngemäß: „Dankeschön, Sie können gehen."

Hinein in die Tretmühle

Das war Ende 1979. Ich war vierundvierzig Jahre alt und stand ohne Berufserfahrungen da, die ich in der Wirtschaft hätte verwerten können. Was tun in so einer Situation? Es war bereits damals schwierig auf dem Arbeits­markt, und es gab um die zwei Millionen Arbeitslose. Ich habe natürlich versucht, einen Job zu bekommen, vor allem im Verlagswesen. Ein anderes Mal habe ich mich sogar für die Stelle eines Pressereferenten einer Universität beworben, und bei einer anderen präsumtiven Stelle wäre ich Direktor eines namhaften Institutes geworden. Das waren Berufe, die ich eigentlich gar nicht ausüben wollte, aber im Verlagswesen bekam ich keine Chance, trotz der anfangs erwähnten einschlägigen Erfahrung. Die einzigen, die bei meiner Jobsuche angebissen haben, waren Übersetzungsfirmen, weil ich US-Amerikaner bin.

Ich kam also in die Arbeitslosigkeit und in eine missliche Lage, sodass ich sogar eine Stelle bei einem Anlageberater annahm. Ich musste zu dieser Zeit einen Job haben, weil ich meine Aufenthaltsgenehmigung in eine Aufenthaltsberechtigung umwandeln lassen wollte. Mit einer Aufenthalts­berechtigung konnte ich dann selbstständig sein. Das war ein heißer Tipp von jemandem, der in dem zuständigen Amt arbeitete und mir wohl gesonnen war. Das war zur Zeit des „Bauherrenmodells", einer gesetzlichen Maßnahme zur Ankurbelung des Wohnungsbaus: Eigentumswohnungen sollten gebaut und an vermögende Leute verkauft werden, damit diese sie dann vermieten und dabei Steuervorteile geltend machen könnten. Dieser Anlageberater hat den ganzen Tag Zahnärzte angerufen, um sie zum Kauf seiner Bauherrenwohnungen zu bewegen. Nebenbei hatte er als zweites Standbein Textverarbeitungsgeräte geleast, von denen er nicht das Geringste verstand. Er hatte also ein Geschäft aufgebaut, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben. Ich habe eine kurze Zeit bei ihm gearbeitet, das war 1981/82, zu einer Zeit, als die PCs auch noch nicht weit entwickelt waren. Die ganze Branche war durch die kommende EDV stark im Wandel begriffen, wie sie es ja heute immer wieder noch durch neue Technologie ist.

Dieser Job beim Anlageberater war furchtbar, aber auch nützlich, denn es war mein Einstieg in die Arbeit mit Computern und der EDV-Textverarbeitung. Ich habe dort eine Menge gelernt. Bei dieser Tätigkeit lernte ich zudem jemanden kennen, der eine Größe in der Zeitungsbranche war, und als mein Arbeitsvertrag nicht mehr verlängert wurde, hat er mir die Möglichkeit angeboten, selbstständig für seinen Betrieb als Erfasser - so heißen Leute, die maschinenschreiben - zu arbeiten. Das konnte ich gut und habe ein solches Geschäft zusammen mit einer Partnerin gegründet. Diese Tätigkeit habe ich von 1982 bis 1999, ausgeübt, die letzten sechs Jahre allerdings alleine. Zusätzlich habe ich freiberuflich als Übersetzer gearbeitet.

Meine Arbeit als Texterfasser ging kurz vor Beginn meiner Rente zu Ende, weil bei meinem Auftraggeber eine Systemumstellung stattfand, was zur Folge hatte, dass er keine externen Texterfasser mehr benötigte. Generell gingen die Übersetzungsaufträge in dieser Zeit stark zurück und man selt­samerweise, als ich mitteilte, dass ich zwar in Rente ginge, aber durchaus noch für kleinere Arbeiten zu haben wäre, plötzlich kein Interesse mehr an mir hatte. Ich war bereits vierundsechzig und hatte ohnehin keine Lust, in dieser Branche weiter zu arbeiten. Ich habe in den folgenden Jahren noch gelegentlich übersetzt, aber nur sehr wenig. Und da bin ich eigentlich auch froh darüber.

Durch Ausdauer in der Rentenzeit endlich zur Berufung

Jetzt im Rentenalter tue ich das, was ich schon immer tun wollte. Ich hatte früher eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen und tat das nicht nur zur Absicherung meiner Familie, sondern bewusst als zusätzliche private Altersversorgung. Denn ich konnte aufgrund vieler Jahre, in denen ich nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen konnte, mit keiner hohen gesetzlichen Rente rechnen. Im Jahre 2000 kam diese Lebensversicherung schließlich zur Auszahlung und sie war stattlich. Ich war am Ziel! Nun bin ich nicht mehr aufs Geldverdienen angewiesen und verfüge über eine zwar be­scheidene, aber ausreichende finanzielle Grundlage, um mein Briefprojekt weiter­zuführen. Das ist das, was ich nun mit großer Be­geisterung tue.

Der Gesamtcorpus beträgt circa neuntausend Briefe. Aber da gibt es sehr große Gruppen, die ich ausklammern werde, weil sie zu umfangreich und in ihrer Substanz zu unbedeutend sind. Auch ist eine große Anzahl der Handschriften gar nicht mehr existent, weil beispielsweise sehr viele Originale im Krieg verloren gingen. Dies ist zwar kein wünschenswerter Zu­stand, aber er erfordert immerhin weniger Zeitaufwand und macht es für mich nun einfacher Ich habe nicht genau gezählt, wie viele in den engeren Kreis kommen, aber ich gehe mal davon aus, dass es vielleicht fünftausend Briefe sind, die ich aufnehmen werde. Das ist immer noch sehr, sehr viel. Ich konzentriere mich jetzt auf handschriftliche Vorlagen, von denen etliche sogar noch gar nicht gedruckt wurden. Diese Briefe müssen daher zuerst bearbeitet werden. Alle anderen kann ich nach existenten Druckvorlagen schreiben lassen oder die neuen technischen Möglichkeiten nutzen: Ein­scannen und Texterkennungssysteme verwenden. Ich hatte in den Briefen etliche Lücken, das waren vor allem Namen, die ich nicht lesen konnte - mittlerweile habe aber jetzt so gut wie Rätsel lösen können und bin recht sicher, dass ich die korrekten Lösungen ...

... diese Berufsgeschichte weiterlesen? Das Buch Berufsgeschichten - Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben gibt es schon ab 5,95 Euro!

© 2005, 2009 Nick Melekian - Reproduktionen, Übersetzungen, Verbreitung, Weiterverarbeitung oder ähnliche Handlungen zu kommerziellen oder nichtkommerziellen Zwecken sowie Wiederverkauf sind ohne die schriftliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.