Friedhofsangestellter

Als Friedofsangestellter (eigentlich: Arbeiter im Bestattungsdienst) zu arbeiten bedeutet, tagtäglich mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert zu sein. Die eigentliche Arbeit, die der eines Landschaftsgärtners nicht unähnlich ist, tritt dabei aber klar in den Vordergrund. Dieser Vorarbeiter eines städtischen Friedhofs berichtet im Interview über die Schönheit des Friedhofs, den Zeitstress der Arbeit im Gegensatz zur Ruhe der Stätte und von den Begegnungen mit Verwandten der Toden beziehungsweise den zukünftigen „Kunden".

Er arbeitet bereits seit dreizehn Jahren auf einem prachtvoll gelegenen Friedhof und hat als Aussiedler aus Kasachstan einen starken sprachlichen Akzent. Er empfängt mich sehr freundlich und zuvorkommend, trägt eine grüne Arbeitshose. Wir treffen uns im Sommer an einem Vormittag in einem kühlen, kargen, circa 15qm kleinen Aufenthaltsraum für die Bediensteten, welcher sich direkt neben den Aufbewahrungsräumen beziehungsweise Kühlhäusern der Leichen befindet. Das Gespräch wird immer wieder von kurzen, dienstlichen Handy-Anrufen unterbrochen.

 

Ich komme aus Kasachstan, bin mit meiner Familie als Russlanddeutscher nach Deutschland ausgereist und musste hier zunächst meine Existenz aufbauen. Der Job als Friedhofsangestellter war meine erste Möglichkeit, eine Arbeit zu kriegen. Das war 1991, seitdem bin ich hier. Meine Tätigkeit macht mir sehr viel Spaß und ich gehe gerne zur Arbeit. Ich genieße die Natur, die frische Luft und meine Bewegung hier. Auch das unterschiedliche Bild des Friedhofs in den verschiedenen Jahreszeiten. Wahrscheinlich werde ich diesen Beruf auch weiter ausüben. Ich habe sehr viel mit Menschen zu tun, das heißt ich betreue sie, sofern diese Betreuung in den Bereich des Bestattungswesens fällt, und bin hier quasi für alle auf dem Friedhof anfallenden Tätigkeiten verantwortlich. Ich arbeite in vielen Bereichen und dort, wo die Leute fehlen, werde ich eingesetzt.

Hauptsächlich bin ich aber für die Gestaltung, Koordination und ähnliches verantwortlich. Hinzu kommen Routinearbeiten, wie Gräber- und Weg­pflege. Meine Tätigkeit besteht zwar auch aus Büroarbeit, aber hauptsächlich bin ich draußen auf dem Friedhof unterwegs. Das macht eine Menge Spaß, da Friedhöfe sehr schön angelegt und sehr groß sind. Ich bin ferner für den Aushub der Gräber, den Bestattungsdienst und das Schließen der Gräber nach der Bestattung zuständig. Nachdem der Sarg versenkt ist, also wenn die Leute zur Seite oder nach Hause gehen, schließe ich das Grab.

Ablauf nach Eintritt von Todesfällen

Wenn der Tod zu Hause eingetreten ist, wird der Leichnam in der Regel vom Bestattungsunternehmen abgeholt, obwohl natürlich vorher der natürliche Tod von einem Hausarzt bestätigt werden muss. Ist dies dann amtlich und bekannt, welche Ursache in Frage kommt, dann darf das Bestattungs­unternehmen den Leichnam abholen. Dabei gehen sie unterschiedlich vor. Sie bringen, wenn sie Platz haben, entweder den Leichnam zu sich oder sie fahren ihn direkt zum Friedhof. Sie haben einen Schlüssel für den Friedhof und dort gibt es Kühlräume, in denen sie den Leichnam lagern können. Natürlich findet dies nur dann statt, wenn schon bekannt ist, auf welchem Friedhof die Bestattung abgehalten werden soll. Bei der Feuerbestattung geht der Leichnam zuerst ins Krematorium. Dieser Weg ist noch etwas komplizierter, da noch eine zweite Leichenschau stattfinden muss, denn nach der Verbrennung kann man ja keine Spuren an der Leiche mehr erkennen. Bei der Erdbestattung hingegen bleibt mehr Zeit den Leichnam erneut zu untersuchen. Ich habe jedoch nichts mit der Vorbereitung oder dem Ein­kleiden des Leichnams zu tun. Zu uns kommt vom Bestatter bereits der fertige Sarg.

Gefühle und Gedanken

Ich bin mit einer anderen Mentalität aufgewachsen, die sich etwas von der deutschen unterscheidet. In Deutschland ist es oft so, dass jeder Mensch im Voraus genau plant und weiß, was nach seinem Tod passieren soll und dementsprechend Vorsorge trifft. Bei uns in Kasachstan ist es so, dass, wenn der Tod eingetreten ist, für den Bestattungsprozess automatisch auch gesorgt wird - das ganze System der Bestattung ist anders organisiert. Das hat Spuren bei mir hinterlassen, denn ich ziehe mich bei den Fragen über den Tod etwas zurück. Ich mache mir auch eher selten Gedanken, wie der Pro­zess der eigenen Beerdigung bei mir später einmal ablaufen wird. Vielleicht bin ich auch noch nicht in dem entsprechenden Alter. Als meine Eltern mich fragten, ob in ihrem Todesfall alles entsprechend gemacht wird, denn ich sei ja in der Branche tätig und wüsste, wie man die Abläufe regelt, sagte ich ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen brauchen und dass ich für alles sorgen werde.

Manchmal, wenn ich Leuten die freien Gräber zeige, mache ich mir schon Gedanken, wie es wäre, wenn in meiner Familie dieser Fall eintritt. Ich stelle mir dann vor, wo die Grabstätte meiner Eltern eingerichtet würde. Ich ver­suche dann allerdings, diese Gedanken wieder etwas zu verdrängen.

Als ich auf dem Friedhof anfing zu arbeiten, wurde ich schon bald mit dem Gefühl konfrontiert, das sich einstellt, wenn man sieht, was hier mit Leich­namen und den Resten der Körper passiert. Mir wurde auf diese Weise deutlich, wie sterblich wir sind, das heißt dass unser Körper nichts ewiges und nach einiger Zeit einfach weg ist. Wir wenden für unser Äußeres so viel Arbeit auf und zum Schluss geht all dies einfach zur Erde. Ich muss dazu sagen, dass ich Christ bin und das Leben daher von diesem Blickwinkel betrachte, durch den mir klar ist, dass es neben dem Körper auch eine Seele gibt. Irgendwann gewöhnte ich mich an die Konfrontation mit diesen Dingen. Das meiste mache ich mittlerweile einfach automatisch, ohne dass ich noch darüber nachdenke. Aber ich habe es dennoch immer wieder vor Augen, wenn ich beim Grabaushub nach zehn Jahren sehe, dass vom Leichnam nur noch Knochen vorhanden übrig sind. Der Friedhof, auf dem ich arbeite, ist schon fast 160 Jahre alt, das heißt eine bestimmte Stelle wurde oft wiederverkauft und neu belegt. So werden Gräber immer wieder neu belegt.

Es gibt schon sehr unangenehme und emotionale Momente bei der Arbeit, so zum Beispiel wenn man einen Leichnam sehen muss oder nach dem Ausheben noch die Knochen entdeckt. Überreste findet man immer, das hängt vom Boden ab. Auf diesem Friedhof ist der Boden sehr unter­schiedlich; in dem einen Bereich ist es nass, in dem anderen trocken. Wenn der Boden feucht ist, dann ...

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