Fotografin

Viel Abwechslung, Freiheit, aber auch harte Arbeit und ein großes Maß an Zeitaufwand, stellen den Arbeitsalltag des Berufs des Fotografen dar. Weil ihr Vater bereits Fotograf war, wusste die hier berichtende Fotografin von Anfang an, welche Vor- und Nachteile diesen Beruf charakterisiert. Sie berichtet von ihrer Ausbildungszeit, dem Alltag, den Menschen für die sie fotografiert und von ihrem Gefühl, ihren eigenen Ansprüchen nie genügen zu können. Vor allem dann, wenn der alltägliche Zeitdruck und die damit verbundene Hektik der Kreativität die Luft abschneidet.

Diese Fotografin ist Anfang vierzig, arbeitet seit zweiundzwanzig Jahren bereits als Fotografin und ist ledig. Sie hat am Tag des Interviews sehr viel zu tun, sodass sie sich mühselig von ihrer Arbeit etwas freischaufeln muss. Nach kurzer Zeit des Treffens in einem gemütlichen Café unweit des Fotostudios wird sie aber zunehmend entspannter.

Mein Vater ist Fotograf. Ich habe im elterlichen Betrieb immer ein bisschen mitgeholfen, daher war die Nähe zu diesem Beruf, schon immer vorhanden. Ich wollte aber eigentlich nie Fotografin werden, ich wollte eigentlich Lehrerin werden und Sport studieren. Ich hatte mich damals aber im Sport sehr stark verletzt und mich dann dazu entschlossen, etwas Kreatives zu machen, was ich auch immer schon wollte. Eigentlich wollte ich Fotografie studieren, habe aber dann erst mal eine Lehre gemacht. Damals brauchte man für das Studium eine Lehre oder ein zweijähriges Praktikum. Ich habe dann die Lehre gemacht. Ja und ich bin dabei geblieben und habe nicht mehr studiert.

Ich habe unterschiedliche Stationen durchgemacht. Als erstes, die Lehre im elterlichen Betrieb. Damals haben wir noch viel Werbung fotografiert. Dann war ich zwei Jahre als Schiffsfotografin auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs. Dort habe ich an Bord die Leute bei allen möglichen Aktivitäten und Landausflügen fotografiert, aber auch Landschaften und Menschen in den Ländern. Impressionen und Reisefotografien, aber alles, um es dann an Bord zu verkaufen. Ja, das war sehr schön, da habe ich mir die Welt an­geguckt. Das war toll. Das war insofern super, als das man ständig auf Reisen war. Es ist immer Programm, ob an Land oder an Bord, alles wird fotografiert: Cocktailpartys, Empfänge, Geburtstage. In jedem interessanten Hafen geht man mit von Bord, ob das die Pyramiden sind oder Wasserfälle. Alles was interessant ist, wird fotografiert. Man muss sehr viel animieren, weil man die Bilder auch verkaufen will. Da muss man sehr motiviert sein.

Heute würde ich es nicht mehr machen, heute könnte ich das gar nicht mehr. Das ist wirklich arbeiten rund um die Uhr. Tagsüber haben wir fotografiert und nachts entwickelt, dann die Bilder in Schaukästen gehängt und um sieben ging der nächste Ausflug wieder los. Wir waren alles Freiberufler. Ich war insgesamt auf drei verschiedenen Schiffen und immer ein halbes Jahr am Stück unterwegs. Das war sehr anstrengend, weil man jeden Tag arbeitet. Wir mussten damals ja im Vergleich zur heutigen Digitalfotografie auch noch die Filme der Leute entwickeln.

Man hat zwar wenig verdient, aber es war toll. Es war super, um zu lernen, wie man mit Menschen umgeht. Man ist jeden Tag mit so vielen Leuten zusammen, aus so vielen verschiedenen Gesellschaftsschichten. Ich hätte nirgendwo mehr lernen können als da. Jeden Abend auf die Partys oder die Empfänge gehen, auf die Passagiere zugehen, sich irgendwelche Sprüche einfallen lassen, sodass die Leute in die Kamera lachen, da lernt man einfach, egal wer da vor einem steht zu sagen, dass ich jetzt die Fotos machen muss. Je sympathischer man selber rüberkommt, desto besser sind die Leute drauf. Wenn man keine Lust hat, lässt sich auch keiner foto­grafieren. Da habe ich sehr viel über Menschen gelernt. Es ist aber immer der Druck da, etwas verkaufen zu müssen. Die Besitzer von den ganzen Fotoshops an Bord, die einen gewissen Umsatz sehen wollen.

Man muss aber sehr lange, sehr beengt leben, in einer kleinen Kabine, auf engstem Raum. Das fordert alles an Geduld und Durchhaltevermögen. Man muss ja immer wieder auf den Kutter zurück, viele haben das nicht ausgehalten, aber ich fand es schön. Ich habe die Welt gesehen.

Danach war ich bei unterschiedlichen Fotografen im Bereich Mode und Messe. Um sich überhaupt einen Einblick verschaffen zu können, muss man bei ganz vielen verschiedenen Fotografen gearbeitet haben. Es ist jedoch sehr schwierig an Assistentenjobs ranzukommen. Die sind sehr dünn gesät und sehr schlecht bezahlt. Meistens kriegt man gar nichts, nur um bei irgendjemandem Bekannten assistieren zu dürfen, also Filme einlegen und sich rumscheuchen lassen. Handlangerarbeiten machen, Koffer tragen, Teppiche kämmen. Nichts Besonderes, aber um reinzukommen und um einen Fuß in die Tür zu bekommen, muss man das einfach mal eine Zeitlang machen. Je berühmter  die Leute sind, desto bessere Chancen hat man hinterher den Einstieg zu finden.

Ich war dann bei einem Modefotografen in Düsseldorf, bei Messefotografen in München, und habe dann nochmal ein bisschen Gesellschaftsfotografie in Köln gemacht. Ich wusste aber eigentlich schon immer, dass ich lieber Menschen fotografiere. Und ich bin dann wieder zurückgekehrt nach Mainz, da habe ich dann sechs, sieben Jahre ein Studio geleitet. Jetzt bin ich wieder Zuhause und habe das elterliche Geschäft übernommen, habe dann zwi­schendurch noch meine Meisterprüfung gemacht, die man ja haben muss. Die hat viel Nerven, Geld und Zeit gekostet. Jetzt braucht man sie zwar nicht mehr um ein Geschäft zu leiten, damals aber schon. Um ausbilden zu können braucht man die Meisterprüfung aber auch heute noch.

Ich hätte gerne noch mehr Modefotografie gemacht. Mein Bruder ist auch Fotograf, der macht Modefotografie in Bremen und Hamburg. Im Grunde bräuchte man Jahre, um überall mal reinzugucken. Das wäre ein Traum, aber ist kaum zu finanziereb. In den zwei, drei Jahren des Assistierens haben mich meine Eltern unterstützt, sonst wäre das auch gar nicht gegangen.

Porträtstudio

Das, was ich jetzt mache, mache ich am liebsten. Ich habe auch mit Modellen in der Modefotografie gearbeitet, das ist ein ganz anderes Ar­beiten. Da sind meist Werbegrafiker dabei, und die haben ganz genaue Vorstellungen davon, wie das Bild auszusehen hat.

Hier ins Porträtstudio, kommen die unterschiedlichsten Menschen, jeder ist anders. Es macht viel mehr Spaß mit den Leuten zu arbeiten, die eben nicht Profis sind. Natürlich wirkt es glamourös in der Modebranche zu arbeiten. Hochzeiten, Passbilder und Portraits wirken erst mal langweilig, aber ich denke die Bandbreite, die Vieldeutigkeit, und die Freiheit, zu fotografieren wie man es sich selber vorstellt, das umzusetzen und die Leute dazu zu bringen sich dementsprechend vor der Kamera zu präsentieren, das ist einfach toll. Das finde ich schön, das macht mir Spaß.

Die Ideen kommen oft erst beim Fotografieren selbst. Manchmal muss man sich eben erst „einschießen". Man fängt an, da sind die Menschen vielleicht noch ein bisschen steif, aber dann fällt mit der Zeit der Groschen, der Funke springt über und dann läuft es auch. Die Menschen, die das erste Mal vor der Kamera stehen, haben oft eine gewisse Scheu. Ich stehe hinter der Kamera, kann mich an etwas festhalten, ich gucke ja den Anderen ganz genau durch mein Objektiv an, er ist derjenige der da vorne steht und etwas machen soll. Das ist schwierig, man muss den Leuten da auch viel Selbstbewusstsein vermitteln und sie motivieren und animieren, das kostet viel Kraft. Das dauert aber eine ganze Serie, dann sind die letzten zehn Schuss von sechzig die besten. Es kommt immer darauf an wie dieses Zwischenspiel, zwischen Fotograf und Modell ist.

Heute Morgen war es klasse. Aber es gibt auch Momente, da läuft es nicht so, weil man auch selber nicht gut drauf ist, das ist schon schwierig. Eigentlich muss man immer Ideen und Lust auf Menschen haben. Das ist ganz entscheidend. Man muss die anderen und sich selbst motivieren. Immer Ideen haben und auf neue Trends eingehen. Das ist ganz wichtig jetzt, wo alles so schnelllebig ist.

Mittlerweile fotografiere ich ganz anders als vor zehn Jahren. Die Art der tagtäglichen Portraitfotografie lehnt sich viel an die Modefotografie an. Ich schaue viel MTV und Viva, einfach um zu sehen, was trendy ist, denn die jungen Leute wollen ganz anders fotografiert werden als früher. Es geht viel mehr in den Lifestyle und die Mode hinein, auch bei dem Ottonormal-Verbraucher. Die klassische Großfamilie hat man gar nicht mehr. Es ist alles mit viel mehr Bewegung, alles lässiger. Es ist nicht mehr so, dieses typische „zum-Fotografen-gehen", sondern mehr ein Lebensgefühl. Bei älteren ist es noch traditioneller. Bei älteren Paaren, die wegen der Goldenen- oder der Silberhochzeit kommen, macht man eher noch ein paar kuschelige, nette Bilder.

Fotosessions dauern im Übrigen ganz unterschiedlich lang: Von einer Viertelstunde bis zu vier Stunden. Je nachdem, was der Kunde möchte. Die Preise sind ganz unterschiedlich. Je mehr wir fotografieren, desto teurer ist es natürlich. Wenn ich jetzt eine Beauty-Serie mache, mit Visagistin und Styling und Make-Up und zehn, zwanzig Mal umziehen, dann dauert das schon drei Stunden. Manchmal fahren wir dann noch irgendwohin, dann kostet so eine Fotoserie natürlich entsprechend mehr Geld. Mit Visagistin ist es ähnlich wie ein Modeshooting, davon träumt irgendwie jeder, tendenziell natürlich mehr Frauen oder die Männer trauen sich vielleicht nicht. Das machen wir ganz viel, fast dreimal die Woche. Dieser Wunsch ist einfach bei vielen da. Das ist ein Kick für ihr Selbstbewusstsein. Die meisten kommen öfter, die magische Grenze ist immer wenn sie dreißig oder vierzig werden, dann denken sie: „Jetzt bin ich noch knackig". Viele waren schon ...

... diese Berufsgeschichte weiterlesen? Das Buch Berufsgeschichten - Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben gibt es schon ab 5,95 Euro!

© 2005, 2008 Nick Melekian - Reproduktionen, Übersetzungen, Verbreitung, Weiterverarbeitung oder ähnliche Handlungen zu kommerziellen oder nichtkommerziellen Zwecken sowie Wiederverkauf sind ohne die schriftliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.