Floristin

Ist die zentrale Qualifikation für den Beruf der Floristin Kreativität? Das ist, wie diese Floristin erläutert, zwar eine Kernqualifikation, aber keineswegs die einzige. Man arbeitete körperlich schwer, müsse gut rechnen und auch unter Zeitdruck sauber arbeiten können. Diese Floristin durchlief erst eine andere Ausbildung und kam durch den elterlichen Betrieb zu ihrem heutigen Beruf, was sie mittlerweile ganz und gar nicht bereut. Nun leitet sie einen eigenen floristischen Betrieb und erläutert neben der Beschreibung ihres Berufs auch Anforderungen an heutige Auszubildende.

Sie ist Mitte vierzig, verheiratet, ohne Kinder und arbeitet seit zwei­undzwanzig Jahren als Floristin. Das Gespräch findet in einem kleinen Büro statt, das hinter dem blumengeschmückten Ladenlokal und dessen Neben­zimmer, wo die Blumen zu Sträußen verarbeitet werden, liegt. An der Wand des Büros lehnen große Holzblumen, die eventuell für spätere Verzierungen im Laden oder bei Kundenveranstaltungen Verwendung finden werden.

Mein Elternhaus hatte schon zu Zeiten meines Großvaters Blumengeschäfte und ich bin daher bereits naturverbunden aufgewachsen, sodass es mein Berufswunsch war, in diesem Bereich tätig zu werden. Ich verließ das Gymnasium mit dem Erreichen der mittleren Reife und begann die Ausbildung zur landwirtschaftlich-technischen Assistentin (LTA) mit gleichzeitiger Erlangung der Fachhochschulreife. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, und ich hatte am Ende wie meine früheren Mitschüler auf dem Gymnasium die Möglichkeit, an einer Fachhochschule zu studieren. Das fand ich eine tolle Sache und hatte nach zwei Jahren bereits eine naturverbundene Ausbildung  - die reine Theorie an der Schule hätte mich eher verrückt gemacht. Die Ausbildung fand auf einem Berufskolleg statt und es herrschte ein völlig anderes Klima als an der Schule, da ich nun unter Personen war, die diesen Beruf auch wirklich ergreifen wollten. Ich lernte verschiedene Bereiche kennen wie zum Beispiel Tierhaltung oder Agrikulturchemie, letztere bezeichnet das Wissen über Boden und Nähr­stoffe. Ich wurde auch in Ernährungswissenschaften unterrichtet, was ich besonders gut fand, weil das ja jeden betrifft. Mit diesem Wissen hätte ich nach meiner Ausbildung direkt ins Labor gehen können, aber dann hätte ich mein ganzes Leben lang im Labor arbeiten müssen - und das war mir wiederum zu wenig (lacht).

Es ergab sich in dieser Zeit, dass eine Floristin aus dem Betrieb meiner Eltern in den Mutterschaftsurlaub ging und meine Eltern mir vorschlugen, im elterlichen Betrieb ein halbes Jahr auszuhelfen. Ich sollte die fehlende Stelle lediglich überbrücken, da meinen Eltern bewusst war, dass die Floristin zurückkommen wollte. Vom Blumengeschäft aus hörte ich unseren Meister stets schnaufend ans Telefon rennen, da wir einige Telefonleitungen hatten, und er tat mir in dieser Zeit sehr leid, weil er so viel Arbeit hatte. Unser Betrieb war zusätzlich im Bereich der Friedhofspflege tätig und wenn dort etwas getan werden musste, war der Meister alleine im Geschäft und musste einerseits die Tätigkeiten im Gartenbau erledigen, andererseits sich auch um den Verkauf kümmern. Das war zusammen sehr viel Arbeit. Ich beschloss darauf, doch noch für eine längere Zeit zu bleiben, das aber nur unter der Bedingung, dass ich den Beruf des Gärtners erlernen könne. Ich blieb länger als erwartet, später ging ich noch an die Abendschule, um den Meister zu machen.

Es ergab sich, dass der Meister in unserem Betrieb aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste - insofern war meine Entwicklung eine recht interessante. Ich weiß nämlich nicht, ob ich mich nach meiner Ausbildung zur LTA anders entschieden hätte, wenn unser Floristik-Betrieb mich damals nicht gebraucht hätte. Vielleicht wäre ich doch noch studieren gegangen - ich habe mir immer alle Wege offen gehalten. Aber es war ein neuer Meister in unserem Betrieb notwendig und mein Bestreben lag darin, diesen Betrieb weiter auszubauen und meine Eltern zu unterstützen. Ich dachte mir, dass es die Pflicht der Kinder sei, ihre Eltern, da sie uns ja selber auch groß gezogen haben, in ihrem Leben zu unterstützen. Mit gemeinsamen Ideen und Power war es darüber hinaus möglich, den Betrieb weiter nach vorne zu bringen. Mein jüngerer Bruder entschloss sich nämlich zu dieser Zeit ebenfalls, Gärtner zu werden. Das alles stellte eine gute Ausgangsbasis für die nachhaltige Fortführung des Betriebs dar und es wäre schade gewesen, wenn wir Kinder die Eltern verlassen hätten.

Geschäftsführerin

Ich bin in unserem Laden, den ich zusammen mit meinem Bruder habe, die Geschäftsführerin und habe den gesamten floristischen Verkaufsbetrieb unter mir. Zum einen beschäftigt mich die gesamte Organisation, zum anderen aber auch die Ausbildung der Azubis. Ich organisiere den täglichen Betriebsablauf und verteile beziehungsweise delegiere die Arbeiten. Mein Anliegen ist es, auch meine Arbeit noch stärker auf die Mitarbeiter zu verteilen, da mir dies bisher leider nur ungenügend gelingt. Das hängt natürlich auch davon ab, wie viele Mitarbeiter man in einem Betrieb hat und wie viele von denen in unserem Betrieb selbst ausgebildet worden sind. Da unser Beruf ein weiblicher ist, haben wir den Nachteil, dass viele Mitarbeiterinnen, wenn sie eine Familie gründen, wieder ausscheiden und in Mutterschaftsurlaub gehen oder aber von vornherein mit den extremen Arbeitsbedingungen nicht zurechtkommen. Denn wir arbeiten hauptsächlich dann, wenn andere Menschen frei haben. Zum Beispiel ist bei uns in Zeiten des Osterurlaubs oder zum ersten Mai Hochbetrieb, also dann, wenn zum Beispiel andere Wandern gehen. Zu diesen Hochbetriebszeiten gehört auch Pfingsten, an dem ebenfalls die meisten Erwerbstätigen Feiertage genießen können. Weitere Hochbetriebszeiten sind unser alljährlicher Tag der offenen Tür, Muttertag, Allerheiligen, Advent, Weihnachten und Silvester, sodass eigentlich nur in den Sommerferien oder im Januar die nötige Ruhe für eigenen Urlaub einkehrt.

Im Alltag bin ich in der Regel oft selbst im Geschäft zu finden. In Hochbetriebszeiten sowieso. Ich bemühe mich aber dennoch, im Hinter­grund zu bleiben, um die Weiterbildung meiner Mitarbeiter forcieren zu können. Ich habe früher den Fehler gemacht, viel zu sehr im Vordergrund bei den Kunden zu arbeiten. Damals war das auch nötig, weil der Kunde die jungen, neuen Mitarbeiter nicht kannte und kein Vertrauen in sie hatte. Dadurch, dass diese Mitarbeiter mittlerweile gut angenommen wurden, ist es mir aber jetzt wieder möglich, mehr im Hintergrund zu bleiben. So produziere ich und nehme mir dabei nach Möglichkeit einen Mitarbeiter dazu, damit er was lernen und sich weiterbilden kann. Mit einem Ohr bin ich aber immer beim Geschehen und kann flexibel reagieren, wenn zum Beispiel aufgrund spezieller Anforderungen größere Mengen bestellt werden müssen. Aufgrund meiner Kenntnisse im Einkauf weiß ich, was machbar ist und was nicht. Manchmal kommen Kunden auch mit besonderen Anfragen oder wenn er Fragen bezüglich der Pflege von Pflanzen im eigenen Garten hat. Da kann ich dann wichtige Informationen an diese weitergeben.

Qualifiziertes Personal

Nachdem mein Bruder und ich in den Betrieb eingestiegen sind haben wir zunächst kleinere Läden, die zu unserem Betrieb gehörten, geschlossen. Denn unsere langjährigen Mitarbeiter in den anderen Läden sind entweder durch Krankheit oder wegen des Alters ausgeschieden und es war uns da­mals, in den neunziger Jahren, nicht mehr möglich, Kräfte zu finden, die mit ausreichend Elan eine Filiale leiten, sodass diese einen ähnlichen guten Ruf haben wie unser Stammbetrieb. Wir hätten also viel herumfahren müssen, um ständig vor Ort in den Filialen präsent zu sein - in verkehrsträchtigen Zeiten hängt das Überleben solcher Läden aber dann nicht zuletzt von der Anreisezeit ab. In den Innenstädten ist die Parkplatzsituation heikel und wir zogen uns daher immer aus den Filialen zurück. Vor zehn Jahren begannen wir im Gegenzug mit dem Anbau des Stammbetriebs. Unter einer bestimmten Betriebsgröße ist kein Anbau effektiv, das bedeutet, dass man als kleiner Betrieb entweder nur Verkauf oder nur Gartenanbau betrieben kann, denn alles andere wäre nicht rentabel. Wir hätten unseren Betrieb auch irgendwohin, raus aus der Stadt, „auf die Wiese" verlegen und einen reinen Produktionsbetrieb einrichten können, aber wir wollten gerne im Stammbetrieb in der Stadt bleiben. Beim Ausbau haben wir einiges abgerissen und einen großzügigen Endverkaufsbetrieb eingerichtet.

Für meinen Beruf sollte man Naturverbundenheit in Kombination mit einem überdimensionalen Engagement mitbringen. Das fällt all denen leicht, die etwas in dieser Richtung machen möchten und es fällt jenen schwer, die sich unter Floristik nichts weiter als einen kreativen Job vorstellen, bei dem man Gestecke zusammenstellt. Es ist nämlich auch eine Arbeit, bei der man rich­tig dreckige Finger bekommen kann, wenn man nur Pflanzschalen macht oder mit harzigem Material arbeitet. Eventuell sticht man sich auch mit Draht oder schneidet sich mit scharfen Werkzeugen und es ist gut, wenn man sich daran nicht stört. Es ist zwar ein Frauenberuf, aber nichts für Frauen, die viel Wert auf ein extrem gereinigtes Äußeres legen. Davon abgesehen ist natürlich ein adretter Auftritt, was Kleider betrifft, kein Fehler, aber man sollte es in einem natürlichen Rahmen und nicht zu überspannt betrachten. Es stimmt schon, dass der kreative Teil des Berufes großen Spaß macht, aber es gehört auch dazu, früh und bei Kälte oder Regen im Freien zu arbeiten.

Wir öffnen um acht Uhr und schließen in der Regel um zwanzig Uhr, das heißt morgens ist um dreiviertel acht Arbeitsbeginn. Wenn wir nicht noch einen Auftrag bekommen, der uns zwingt, länger zu arbeiten, machen wir auch pünktlich Feierabend. Beerdigungen müssen innerhalb von zwei oder drei Tagen organisiert sein, sodass schnell mal einige Überstunden anfallen. Wir haben ruhige Zeiten und solche des Hochbetriebs. In der Adventszeit machen wir unsere Adventsausstellung, die jeweils acht Tage vor dem ersten Advent stattfindet. Dafür müssen wir den gesamten Laden umbauen und, nicht zu vergessen: Nebenher läuft der Betrieb für den Friedhof weiter. Generell wird die Floristik im Herbst stark beansprucht, sodass wir in dieser Zeit viele Arbeitsstunden stemmen müssen. In diesen Zeiten herrscht Urlaubsverbot und freie Tage müssen wir ...

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