Buchhändlerin

Als Buchhändlerin muss man viel lesen. Ideal ist es natürlich, wenn man das bereits gerne in der Freizeit tut. Der Beruf des Buchhändlers verliert in der heutigen Zeit etwas an Bedeutung. Die Bedrohung durch große Buch­handelsketten und neue Online-Buchgeschäfte haben großen Einfluss auf diesen Beruf. Deshalb ist die hier erzählende Buchhändlerin auch froh, sich bisher noch über Wasser halten zu können. Denn unabhängig von den finanziellen Herausforderungen macht ihr die Arbeit sehr viel Freude.

Das Interview fand während der Mittagspause im Hinterzimmer der Buch­handlung statt. Während des Gesprächs kommen regelmäßig Anrufe und Faxe hinein. Die Interviewte ist Mitte vierzig und ledig.

  Ich habe während meines Studiums zum Grund- und Hauptschullehrer, was damals ein brotloser Job war, in einem Buchgroßlager gejobbt und bekam das Angebot, dort eine Ausbildung zur Buchhändlerin zu machen. Ich habe also mein Studium Studium sein lassen und die Ausbildung angefangen, da mir das irgendwie sinnvoller erschien. Ich bin keine 1er-Examensfrau, was ich damals gebraucht hätte, um als Lehrer eine Arbeit zu finden. Dann hätte ich ja auch noch ein Referendariat anhängen müssen und hätte vielleicht dennoch nichts gehabt. Da habe ich lieber eine vergleichsweise schnelle Ausbildung absolviert. Aufgrund meiner Noten und der Zustimmung meines Arbeitgebers konnte ich die Ausbildung in nur eineinhalb Jahren durch­laufen. Und ich habe schon immer gerne mit Büchern gearbeitet und habe Germanistik studiert, von daher war das eigentlich eine tolle Entscheidung. Und dann habe ich das kurzentschlossen so gemacht.

Auffällig ist, dass man mit der Zeit immer sicherer wird, auch im Umgang mit den Kunden. Und, dass man natürlich, auch wenn man noch so viel gelesen hat, eine andere Einstellung zu Büchern bekommt. Man liest irgendwann ganz andere Dinge, die ich mit achtzehn Jahren nicht gelesen hätte, jetzt im Alter mit vierzig aber lese und denen auch eine ganz andere Bedeutung beimessen kann. Und ich habe auf diese Weise auch viele Ver­gleiche. Es bilden sich auch Vorlieben heraus, dass man zum Beispiel mehr amerikanische Autoren oder südamerikanische Autoren liest. Und natürlich hat sich auch die Verantwortung geändert, ganz extrem. Ich bin ja seit dreizehn Jahren selbstständig. Wenn man angestellt ist, hat man eine solche Verantwortung nicht, konnte ich auch gar nicht, weil der Betrieb, bei dem ich angestellt war, ein Filialbetrieb war. So hatte ich nichts mit dem Einkauf und vielen anderen Dingen zu tun und musste darüber auch gar nicht entscheiden. Das ist auf der anderen Seite auch nicht schlecht, man muss nicht wegen jedem Pieps „ja" oder „nein" sagen, sondern kann sich wirklich auf das Wesentliche konzentrieren, Bücherverkaufen und Beraten. Das ist halt in dem Moment, in dem man selbstständig ist, nicht mehr gegeben, da man da mit vielen anderen Dingen zu tun hat, sei es Bürokratie, sei es Buchhaltung usw.

Ich vermisse in meinem Beruf die adäquate Bezahlung meiner Arbeit (lacht). Im Endeffekt verdient man im Einzelhandel sehr wenig. Geld ist zwar nicht alles, aber man sollte zumindest gut über die Runden kommen und damit leben können. Jetzt könnte ich natürlich anführen, dass ich wenigstens noch einen Job habe. Ich kenne viele Kolleginnen, die keinen mehr haben.

Dinge, die Freude machen

Der Kontakt und Austausch mit den Menschen macht mich glücklich. Ich bin dann zwar manchmal abends so erschlagen, dass ich gar nichts mehr reden will, aber man trifft immer Menschen, mit denen man über Bücher, Politik, Ausstellungen oder Lesungen reden kann. Man lernt auch un­wahrscheinlich viel, man kann jeden Tag etwas lernen. Und das finde ich am Buchhandel klasse, dass man durch die Kommunikation mit den Anderen etwas lernt. Und sei es nur, dass irgendeine neue Serie im Fernsehen läuft, welche die Kids unwahrscheinlich toll finden. Das würde ich sonst, wenn ich nicht die Bücher bestellen würde, gar nicht mitkriegen. Es sind zwar nur diese Kleinigkeiten, aber weil sie eben jeden Tag mit irgendeinem Thema konfrontiert werden, von dem sie noch nie gehört haben, lernen sie auch jeden Tag etwas. Letztens hörte ich von irgendeinem Computersystem, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, da der Kunde ein Buch dazu bestellt hatte. Ich habe mir dann erklären lassen, was man damit mache kann. Das hat er auch sehr nett erklärt, obwohl ich davon nicht mehr so viel weiß, weil es mich vielleicht nicht so sehr interessiert. Aber wenn das jetzt noch einmal vorkommt, weiß ich schon mehr damit anzufangen. Das finde ich gut, denn dann steht man nicht mehr so unvermittelt den Dingen gegenüber. Man kann von allen Menschen, die hier herein kommen, irgendetwas herauspicken, das einen selber bereichert. Das ist das Tolle an dem Beruf. Und ich glaube, dass es das in ganz wenigen Berufen gibt: Durch Kommunikation derart viel Bereicherung für sich selbst zu finden, also Wissensbereicherungen. Andere Bereicherungen, wie zum Beispiel soziale Empfindungen in Pflegeberufen, sind mir hingegen nicht so wichtig.

Das Internet, mangelnde Lesekultur und die Konjunktur

Es ist in dem Beruf Buchhändler schwieriger geworden und das, obwohl es noch nie ein gut bezahlter Beruf war. Aber indem man sich selbstständig gemacht hat, hat man bisher schon eine ganz gute Auskommenssituation gehabt. Das wird aber immer schwieriger. Wir waren hier mal zu zweit und das lief irgendwann einfach nicht mehr, denn ein Buch ist in der Zwischen­zeit ein Luxusgut geworden und wenn die Leute kein Geld haben, dann kaufen sie sich nichts, was überflüssig ist. Bücher sind kein Grund­nahrungsmittel - die wenigstens Leute brauchen ein Buch so wie Brot oder Milch. Durch die wohl immer niedriger werdenden Realeinkommen der Menschen sind in den letzten Jahren die Umsätze bei uns eingebrochen. Das war in der Zeit, als ich meine Lehre angefangen hatte noch ganz anders, da boomte dieser Markt.

Wenn die Leute damals in Urlaub gefahren sind, dann haben sie sich vier oder fünf Taschenbücher mitgenommen, heute nehmen sie sich vielleicht ein oder zwei Bücher mit, wenn überhaupt. Es gibt natürlich heute auch andere Konkurrenz. Nicht nur der Geldmangel beziehungsweise die Konjunktur sind dafür ausschlaggebend, sondern auch neue Dinge, mit denen man sich anstelle von Büchern die Zeit vertreiben kann. Der Computer zum Beispiel ist ein ganz entscheidendes Merkmal. Man liest auch Dinge im Computer nach und nimmt sich nicht mehr ein Lexikon zur Hand. Da gibt es schon ganz andere Möglichkeiten, an die Sachen heran zu gehen, wohingegen wir früher als Schüler mit Hilfe von Büchern aus der Stadtbücherei, Büchereien oder Buchhandlungen unsere Materialien zusammengestellt haben. Heute geht man ins Internet und macht das dort, das ist schon entscheidend anders.

Die Leute haben weniger Zeit und auch in der Familie wird weniger gelesen. Und wenn diese Vorbildfunktion nicht da ist, dann lesen auch Kinder nicht. Es gibt bestimmt Ausnahmen, aber ich nehme jetzt einfach mal an, dass das so ist. Wenn die Kinder nicht angehalten werden und auch nicht sehen, dass die Erwachsenen das tun, dann werden sie auch nicht lesen. Und dies multipliziert sich dann irgendwann: Es gibt viele Alleinerziehende, es gibt nicht mehr die Oma, die mal eine Geschichte vorliest und wenn man den ganzen Tag arbeiten und sich dann noch abends um sein Kind kümmern muss, dann setzt man sich nicht hin und liest ein Buch, sodass das Kind es mitbekommen würde, sondern man beschäftigt sich irgendwie anders mit dem Kind. Das veränderte gesellschaftliche Umfeld trifft natürlich nicht nur den Buchhandel, aber in manchen Dingen schon. Es ist heute fast schon elitär, sich Bücher zu kaufen.

Preise

Die Preise haben sich durch die Einführung des Euros ausschlaggebend verändert. Dies ist in dem Maße geschehen, dass man mittlerweile sagen kann, ein Buch kostet heute in Euro das, was es früher in DM gekostet hat. Das hängt natürlich auch mit dem Papier und dem Druck zusammen, wo die Löhne auch mittlerweile höher geworden sind. Also ist auch die Produktion  des Buches teurer geworden und somit kostet es mehr. Die Verlage ver­suchen mit Sonderauflagen dagegenzusteuern, was den kleinen Buchladen natürlich kaputt macht, denn wir können nicht auf jede Sonderedition, die ein Verlag heraus bringt, reagieren. Da wird auch von der eigenen Branche einiges kaputtgemacht, obwohl sie so langsam auch merken, dass das nicht so das Gelbe vom Ei ist, es wird auch schon wieder zurück gerudert. Der Markt wird nicht mehr überschwemmt mit Billigproduktionen und man verscherbelt nicht einfach mal die Lizenzen an ...

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Weitere Kapitel:
Das bekannte Buch des Zauberlehrlings ("HP")

Bücherverkaufen
Umgang mit den Kunden
Möglichkeiten, sich als Buchhändler weiterzuentwickeln
Außenbild der Buchhändlerin
Ladendiebstahl

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