Bilanzbuchhalterin

In Steuerbüros arbeiten Bilanzbuchhalter für Steuerberater als unterstützende Mitarbeiter und sind für ganz bestimmte Fachgebiete ausgebildet. Weil sie einen großen Teil der Arbeit erledigen, müssen sie sich ein fundiertes steuerrechtliches Wissen aneignen und dies laufend aktuell halten. Diese Bilanzbuchhalterin berichtet über die schöne Beziehung zu ihrem Beruf, den Alltag des Jobs, den Wunsch der eigenen Selbständigkeit und über wechselndes Betriebsklima durch Konflikte mit Kollegen, die in Teams entstehen können.

Sie arbeitet als Bilanzbuchhalterin bereits seit 17 Jahren, ist Mitte dreißig, verheiratet und ohne Kinder. Das Gespräch findet abends in lockerer Atmosphäre in einem Café statt.

 

Nach der Wirtschaftsschule habe ich mich für einige kaufmännische Tätigkeiten beworben, zum einen beim Finanzamt und beim Steuerberater und zum anderen als Industriekauffrau. Die Arbeit im Steuerwesen interessierte mich am meisten, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch wenig Ahnung davon hatte. Der Rest ergab sich, wie so oft bei der Berufswahl, durch Zufall. Ich begann meine Lehre bei einem Steuerberater als Steuer­fachangestellte. Ich hätte zwar auch zum Finanzamt gehen können, allerdings entschloss ich mich bewusst, in die freie Wirtschaft zu gehen. Mich schreckte es damals ab, in einem Staatsbetrieb zu arbeiten, in dem man allein durch geleistete Berufsjahre aufsteigen kann - ich wollte lieber entweder gut im Beruf sein und dadurch eine höhere Position erreichen oder, wenn ich es nicht schaffen sollte, wissen, dass ich es auch nicht verdient habe. Damals war ich sechszehn oder siebzehn Jahre alt und hatte ver­ständlicherweise wenig Ahnung von der Arbeitswelt.

Der Weg von einer Steuerfachangestellten zur Bilanzbuchhalterin ist ein relativ typischer, da sich die Weiterbildung in diesem Beruf entweder auf Steuerfachwirt und Bilanzbuchhalter oder Steuerberater und später Wirtschaftsprüfer erstreckt. Der Beruf des Bilanzbuchhalters ist hoch an­gesehen und man kann damit z.B. bei einem Steuerberater oder einer Bank arbeiten. Aber auch in vielen anderen Unternehmen der freien Wirtschaft. Man wird also mit diesem Beruf nicht arbeitslos - damals wie heute.

Der Arbeitsmarkt für Angestellte im Steuerbereich war schon immer gut, weil es dort zu wenige qualifizierte Kräfte gibt. In meinem Beruf gibt es relativ viele Frauen, welche unter Umständen irgendwann schwanger werden und für diese Zeit aus dem Beruf ausscheiden. Das ist insofern ein Problem, als dass sich in meinem Beruf relativ schnell viele steuerlich relevante Dinge ändern, sodass man oft schon nach einer einjährigen Berufspause keine Per­spektive mehr sehen kann. Das bedeutet, dass die Leute entweder bei der Stange bleiben oder, wenn sie wieder in den Beruf einsteigen, nicht mehr so hoch qualifiziert sind, da sie sich erst einmal wieder das aktuelle Wissen aneignen müssen.

Liebe zur Herausforderung

Der Beruf ist nicht ganz einfach. In der Berufsschule war allen Schülern und Lehrern klar, dass die Steuerausbildung die anspruchsvollste ist. Ich muss sehr flexibel sein, weil jeder Fall anders ist, weshalb ich das aber auch einen sehr spannenden Beruf finde. Der Beruf ist sehr variabel, was seinen Reiz ausmacht und schließlich bleibt man auf diese Weise fit im Kopf. Der Leiter meiner Fortbildungen sagt immer, dass wir nicht alt, sondern fit und jung im Geist werden, da wir stets mit neuen Dingen konfrontiert werden.

Ich habe keine Angst vor der Situation, selber einmal Kinder zu haben. Es kommt zwar darauf an, ob das Kind pflegeleicht ist oder nicht, aber mein Ziel ist, niemals aus dem Beruf herauszukommen, auch wenn das bedeutet, dass ich eine Zeit lang in der "Homeoffice", also von Zuhause aus arbeiten müsste. Die technischen Möglichkeiten sind heute so weit ausgereift, dass dies ohne Probleme möglich ist, so dass ich keine Gefahr für meinen Beruf in der Kindererziehung sehe. Ich würde, selbst wenn ich meine Arbeit stark re­duzieren müsste, dennoch immer die Unterlagen meiner Fortbildungen durchsehen und versuchen, in der Rechtsprechung fit zu bleiben. Ich glaube, dass dieser Weg einfacher ist als das Wissen im Nachhinein wieder mühevoll aufzuarbeiten.

Besonderen Spaß bereitet mir die Tatsache, dass ich beim Steuerberater neunzig bis fünfundneunzig Prozent der Zeit selbstständig arbeiten kann. Ich muss den Kontakt zu dem Kunden eigenständig pflegen und meine Arbeit nur nachher vom Chef kontrollieren lassen. Die Unterlagen gehen, wenn sie fertig sind, zum Finanzamt, welches prüft, ob die Bilanz in Ordnung ist oder nicht. Ab und zu finden Betriebsprüfungen statt, bei denen ein Prüfer all das, was ich erarbeitet habe, durchsieht, was es mir wiederum ermöglicht, die Qualität meiner Arbeit zu erkennen. Auf diese Weise bekomme ich durch die Institutionen, welche meine Arbeit prüfen, ein sehr gutes Feedback - und selbstverständlich nicht zuletzt auch vom Kunden, der mit der Arbeit zufrieden ist oder nicht.

Kundenkontakte

Unsere Mandanten sind ein Spiegel der Bevölkerung: Es gibt sehr nette, sehr pflegeleichte, aber auch sehr schwierige Menschen. Ab und zu muss ich in meinem Beruf sogar seelischen Beistand leisten oder gar so etwas wie eine psychologische Beratung durchführen. Beim Steuerberater ist es ähnlich wie bei einem Arzt, dem man ab und zu seine Sorgen erzählt. Mein erster Chef sagte mir damals, als ich mich bei ihm vorstellte, dass das Bankgeheimnis eine Kleinigkeit wäre gegen das, was man als Steuerberater alles weiß. Wir wissen nicht nur, was unsere Mandanten auf dem Konto haben, sondern auch um ihre unehelichen Kinder oder sonstige "Leichen". Eigentlich weiß ein Steuerberater so gut wie alles über seine Mandanten, so zum Beispiel in welcher Ausbildung sich die Kinder befinden. Es gibt unheimlich viele Punkte, die mit ihm besprochen werden müssen und viele Kunden zeigen das Bedürfnis, einiges mehr zu diesen Punkten zu erzählen, da sie sich freuen, wenn sie auf jemanden treffen, der sympathisch ist. Manchmal mündet all dies sogar in ein sehr intimes und langes Gespräch. Es ist auch in einer gewissen Weise "spannend", wenn man in Trauerfällen seelische In­timitäten von den Mandanten zu hören bekommt.

Ich erinnere mich an einen Fall mit einem stinkreichen, etwa 75-jährigen Mandanten. Er fuhr immer noch mit seinem kleinen, weißen Sportwagen durch die Gegend und hat mich, als etwa 25-jährige, versucht zu verführen. Er war aber eigentlich ein sehr netter Mensch, sodass ich ihn gut auf Abstand halten konnte. Er zeigte mir seine Fotoalben, in denen er zusammen mit zum Beispiel Frank Sinatra abgebildet war - er hatte ...

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