Lagerarbeiter (arbeitssuchend)

Dieser Lagerarbeiter wurde an einem Berufsbildungswerk für Sehbehinderte in den neuen Bundesländern im Bereich der EDV ausgebildet. Allerdings hat er den Osten verlassen, da er dort keine berufliche Perspektive für sich sah und verlegte so seinen Wohnsitz nach Hamburg. Dort versuchte er mit seiner Ausbildung eine Stelle zu bekommen, was ihm aber aufgrund seiner Sehbehinderung nicht gelang. So arbeitete er schließlich als Zeitarbeiter bei diversen Firmen im Hamburger Hafen und hat die positiven wie auch negativen Aspekte dieser Beschäftigungsform kennengelernt. Die unkomplizierte Vorgehensweise in der Zeitarbeit spricht ihn an, allerdings wünscht er sich etwas mehr Planbarkeit für sein Leben, was aber eine feste Anstellung voraussetzen würde. Diese zu finden ist jedoch seiner Erfahrung nach ein schweres Unterfangen, da nicht nur seine Sehbehinderung, sondern auch sein bisheriger Lebenslauf mit Anstellungen als Zeitarbeiter potentielle Arbeitgeber abschrecke.

Er ist Anfang dreißig, ledig und ohne Kinder. Weil er früher in der Punkszene aktiv war, trägt er auch heute noch einen Irokesenschnitt. Ideologisch ist er den Grünen verbunden.

Ich erlernte den Beruf des Datenverarbeitungskaufmanns, was trotz meiner Sehbehinderung gut ging. Ich gewöhnte mich bereits während der Aus­bildung an die Bildschirmarbeit und brauchte keine Vergrößerungen oder andere technische Hilfsmittel, obwohl ich einen Behinderungsgrad von sechzig Prozent habe und deshalb zum Beispiel von der Rundfunkgebühr befreit bin. Es reichte aus, einfach näher an den Bildschirm heranzugehen. Alles in allem beeinträchtigt mich die Behinderung im Arbeitsalltag nicht besonders stark. Ich gebe sie auch nicht überall an und oft möchte ich es sogar verschweigen, weil ich durch die Behinderung schwerer an einen Job komme. Ich wollte eigentlich in diesem Beruf arbeiten, fand aber keine entsprechende Stelle, obwohl ich sehr motiviert bin. Zu dieser Zeit war ich etwa zweiundzwanzig Jahre alt und hatte erkannt, dass mir meine Heimat im Osten keine Perspektive für einen Beruf bieten kann. Ich wollte arbeiten, egal um welche Tätigkeit es sich dabei handelt. Zu Beginn des Jahres 2000 bin ich nach Hamburg gezogen, aber der Einstieg in meinen erlernten Beruf klappte auch dort nicht. Schließlich erkundigte ich mich bei einigen Speditionen im Hamburger Hafen nach einer Arbeitsstelle, weil ich dachte, dass ich dort auf jeden Fall eine Arbeit finden würde. Die Arbeitssuche in berufsfremden Jobs war in Hamburg relativ einfach, da es viele Jobangebote gab und so kam es, dass ich bei einer kleineren Firma einen Job im Lager und in der Produktion bekam. Der Wechsel aus dem Bereich der EDV heraus hin zu dieser Arbeit fiel mir nicht sonderlich schwer, weil man für das Lager oder die Produktion keine Ausbildung benötigt, obwohl es auch in diesen Bereichen Ausbildungen gibt.

Ich arbeitete als Zeitarbeiter je nach Bedarf für unterschiedliche Un­ternehmen und war häufig mit dem Be- und Entladen von Containern beschäftigt, wofür es kein besonderes Training bedarf. Mir wurde in den Firmen zu Beginn des Tages zunächst gesagt, welche Arbeiten anstehen und wann sie durchgeführt werden sollen, sodass man sagen kann, dass die Arbeit nach einem genau geregelten Plan abläuft. Deshalb war die Arbeit nicht kompliziert, da ich einfach nur die Anweisungen ausführen musste, die mir mitgeteilt wurden. Ich wurde einige Zeit später in einem Unternehmen dauerhaft übernommen, weil sie wohl mit meiner Arbeit zufrieden waren und ich arbeitete fortan als Wareneingangsleiter, was bedeutet, dass ich vom Lagerleiter lediglich gesagt bekam, welche Waren wann eingingen und ich mir dann selbst einen Plan machen konnte, wie ich diese Arbeiten organisiere. Wenn einmal zu viel Arbeit anfiel, dann hatte ich sogar die Möglichkeit, Zeitarbeiter einzuweisen, sodass ich die Arbeit im Lager mit der Zeit quasi von zwei Seiten kennenlernte: Der des Ausführenden und der des Anweisenden. In jedem Fall aber kostet die Arbeit einiges an Kraft.

In Hamburg fanden des Öfteren, nachdem ich von der Arbeit kam, Montagsdemonstrationen statt, weil die Menschen aufgrund von Lohn­kürzungen weniger Geld erhielten. Ich bin in der DDR aufgewachsen und es hat mich amüsiert, dass diese Menschen aus Hamburg jetzt zu erkennen scheinen, dass die Idee, welche die DDR vertrat, zumindest nicht ganz so falsch war.

Arbeit im Lager

Im Großen und Ganzen unterscheiden sich Lager nicht vehement voneinander. Die meisten Lager, bei denen ich arbeitete, lieferten Waren, die aus China oder Singapur zu uns kamen, an Wiederverkäufer aus. Die Lagerstell- und Umstellzeiten waren relativ kurz und die Waren mussten meist bereits am nächsten Tag wieder ausgeliefert werden. Sie wurde in Containern geliefert und es handelte sich immer um relativ große Lieferungen ein und derselben Ware. Ich musste flexibel entscheiden, wie ich die Waren lagerte, sodass ich sie im Zweifelsfall relativ spontan wieder ausgeben konnte.

Das Lager hatte acht Rampen für LKWs, die am Tag etwa zehn Ladungen an Ware zu uns brachten. Die Ware liegt in den LKW auf sogenannten Europaletten, welche mit Hilfe von Maschinen aus den Lastern heraus­gefahren werden und von dort entweder direkt zum Warenausgang oder an einen Stellplatz beziehungsweise mit Hilfe eines Gabelstaplers in ein Hochregal gebracht werden. Die logistische Abfertigung der Waren wird über eine Computersoftware abgewickelt, welche automatisch einen Regal- oder Stellplatz heraussucht und ein Etikett druckt, welches dann auf die entsprechende Palette geklebt wird, sodass die Lagerarbeiter stets wissen, an welchen Ort die Ware gestellt werden muss. Wenn dies aus irgendeinem Grund nicht funktioniert, wird die Ware zunächst in eine freie Ecke gestellt und das Problem dem Lagerleiter gemeldet. Dieser ist auch für die Qualitätskontrolle der Ware zuständig und kommt ab und zu ins Lager, um stichprobenartig die Ware zu überprüfen.

Schichtarbeit

Mit der festen Stelle hatte ich eine feste Arbeitszeit von 38 Stunden pro Woche, die morgens um sieben begann. Davor in der Zeitarbeit musste ich viel in Schichten arbeiten. Allerdings fand ich auch die Schichtarbeit bei meiner vorigen Arbeitsstelle in Ordnung, wo ich am liebsten die Nacht­schicht übernahm, weil ich dafür Zuschläge bekam. Ein weiterer Vorteil dieser Schicht war, dass ich mir den Tag nach meinen Vorstellungen einteilen konnte. Da ich nachts arbeitete, hatte ich tagsüber frei und konnte Geschäfte besuchen und Ärztegänge erledigen. In der Saison musste ich allerdings häufig sogar an Sonntagen arbeiten. Der damit verbundene Vorteil ist jedoch wiederum, dass ich auf diese Weise zahlreiche Überstunden ansammelte, die ich später im Jahr, zwischen der Saison, die sich immer im Sommer und um Weihnachten herum erstreckt, abfeierte.

Ob die Schichtarbeit aber insgesamt von Vorteil ist oder nicht, ist auch davon abhängig, von welcher Schicht man in eine andere wechselt. Die Nachtschicht fand ich weniger ermüdend als die Spätschicht, was vielleicht auch daran liegt, dass ich eher ein Nachtmensch bin und erst abends aktiv werde. Die Spätschicht war mir die unangenehmste, weil sie mir den ganzen Tag ruinierte: Ich fing um vierzehn Uhr an zu arbeiten und kam erst um dreiundzwanzig Uhr nach Hause, wobei ich dann allerdings noch nicht gleich einschlafen konnte. So blieb ich bis tief in die Nacht hinein wach und wachte dementsprechend erst kurz vor Arbeitsbeginn wieder auf. Ich versuchte daher in der Regel, die Spätschicht zu vermeiden und gerade in der Zeitarbeit ist mir dies recht gut gelungen.

Zeitarbeit

In der Zeitarbeit wurde ich einer bestimmten Firma für überschaubare Zeiträume wie beispielsweise einen Monat lang zugeteilt. Wenn sich meine Arbeitszeit, Schicht oder Einsatzzeit veränderte, dann war mein Ansprech­partner immer dort die Firma, der ich gerade zugeteilt war. Das war in der Regel ein Vorarbeiter, der für mich Ansprechpartner und Vorgesetzter zugleich war und an den ich mich bei Fragen wenden konnte. Er klärte eventuelle Verlängerungen der Einsatzzeit mit meiner Zeitarbeitsfirma ab, sodass ich mich relativ wenig um formale Dinge kümmern musste. Ich musste lediglich darauf achten, dass ich meine Stundenzettel von der Einsatzfirma unterschreiben ließ und diese Zettel bei der Zeitarbeitsfirma abgab, da ich sonst kein Geld bekam. All dies lief aber relativ unkompliziert ab und ich habe, einen Fall ausgenommen, mit Zeitarbeitsfirmen immer gute Erfahrungen gemacht. Daher verstehe ich nicht, warum viele Menschen derart negativ über Zeitarbeitsfirmen berichten.

Ich wurde bei Zeitarbeitsfirmen nie im klassischen Sinne „entlassen". Entweder hatte ich von vornherein nur befristete Verträge oder ich habe von mir aus aufgrund eines Umzugs gekündigt. Ich habe jedoch von vielen anderen Zeitarbeitern gehört, dass bei ihrer Firma die Einsätze ausblieben und somit keine neue Arbeit für sie verfügbar war. Die Zeitarbeitsfirma kann selbstverständlich nicht ...

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