Arbeitserzieher

Ein typischer Einsatzort für Arbeitserzieher sind Einrichtungen, die Menschen helfen, nach medizinischer Rehabilitation, wieder langsam in das Berufsleben zurückzufinden. Dieser Arbeitserzieher räumt mit Vorurteilen bzgl. psychischer Erkrankungen auf und zeigt, warum der Unterschied zwischen gesund und krank nicht leicht abzugrenzen ist. Er beschreibt desweiteren, warum Menschen auf Probleme und Herausforderungen aufgrund der Kombination aus beruflicher Situation und persönlichen Bewältigungsstrategien in unterschiedlicher Weise reagieren.

Dieser Arbeitserzieher ist Ende zwanzig und ursprünglich einem ganz anderen Beruf nachgegangen. Das Interview findet abends nach seiner Arbeit in einem Lokal statt, dass sich auf dem Rückweg seiner zehn Kilometer langen Fahrradroute befindet.

 

 

Ich habe vor meinem jetzigen Job als Elektriker in einer Versandservice Firma gearbeitet und habe mich da um die Instandhaltung der elektrischen Maschinen gekümmert. Irgendwann habe ich mir überlegt, was und wie es in meiner Zukunft weitergehen soll und habe in Verbindung mit diesen Gedanken auch an Weiterbildungen gedacht. In meinem Fall wäre das die Perspektive zum Techniker oder Meister gewesen. Der Meister ist für mich nicht in Frage gekommen, weil ich mich nicht selbstständig machen wollte. Beim Techniker hätte ich mich für eine bestimmte Fachrichtung entscheiden müssen zumal die Ausbildung sehr lange dauert und eine Menge Geld kostet. Ich habe mir gesagt, dass ich grundlegend überlegen müsse was ich in Zukunft machen wolle und habe mir gesagt, dass die Entscheidung, die ich treffen werde, große Auswirkungen auf mein weiteres Leben haben wird.

Ich kam zu dem Entschluss, dass ich eigentlich mehr mit Menschen als mit Maschinen zusammenarbeiten will. Was ich damals gemacht habe, hat mir zwar Spaß gemacht, aber da hat mir etwas gefehlt. Da kam eine defekte Maschine, dann hieß es umbauen oder reparieren, das habe ich getan und wenn alles klappte, lief sie wieder. Es hat mir jedoch immer Freude gemacht wenn ich mit Menschen zusammenarbeiten konnte. Ich bin daraufhin zum Arbeitsamt gegangen, habe mich informiert, bin zum Berufsberater gegangen und habe ihm gesagt: „Ich möchte gerne einen Job machen in dem ich mit Menschen arbeiten kann, jedoch weiterhin handwerklich arbeiten kann, so wie ich es momentan auch tue." Da hat er mir ein paar Jobs vorgestellt und hat gesagt, dass der Beruf des Arbeitserziehers wahrscheinlich das Richtige für mich wäre. Er erklärte mir, dass es in dem Beruf grob darum gehe, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen eine gewisse Unterstützung zu bieten. Ich habe mich daraufhin informiert und als ich das Berufsbild gelesen habe, wusste ich: „Genau das ist es". Ich habe geschaut, wie ich dorthin komme, habe aber gemerkt, dass ich das von der Arbeitsagentur nicht finanziert kriege. Der Grund dafür war, dass ich eigentlich einen Job hatte, in dem ich normalerweise immer wieder einen neuen Arbeitsplatz bekommen würde. Es war also klar, dass ich mein Vorhaben selber finanzieren müsste. Ich habe angefangen zu sparen, habe meinen Job gekündigt und bin schließlich an die Arbeitserzieher-Schule gegangen. Das Ganze ging zwei Jahre lang in Vollzeit plus praktisches Anerkennungsjahr.

Die Kosten beliefen sich zu DM-Zeiten auf ungefähr elf tausend Mark für Schulkosten, Lebenserhaltungskosten und Bücher. Eigentlich kommt ja noch der Verdienstausfall dazu, da es nicht möglich ist parallel zur Ausbildung zu arbeiten. Das war der Weg. Ich habe zwischendurch immer wieder überlegt, ob ich mich wirklich für das Richtige entschieden habe, da es ja schon komisch ist, seinen Job einfach zu kündigen und etwas Neues im sozialen Bereich anzufangen, zumal in diesem die formalen Arbeitskonditionen eher schlechter sind.

Einsatzorte für Arbeitserzieher

Damals habe ich gedacht, dass ich hauptsächlich in Werkstätten für Behinderte arbeiten würde. Ich wusste auch, dass Arbeitserzieher mit Menschen im Gefängnis arbeiten, die wieder auf das Leben nach der Entlassung vorbereitet werden sollen oder eine Ausbildung während ihrer Haft abschließen. Mit psychisch erkrankten Menschen hatte ich bis dahin noch nie gearbeitet und hätte auch nicht gedacht, dass das etwas für mich wäre. Das habe ich erst während eines Praktikums in einer Werkstatt für psychisch erkrankte Menschen gemerkt. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Natürlich machte ich mir vorher darüber Gedanken, ob es wirklich etwas für mich ist - man stellt sich ja einiges vor, was passieren könnte. Ich habe damals erst an das gedacht, was man in den Nachrichten über psychisch erkrankte Menschen hört, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Grundsätzlich fand ich das Praktikum sehr interessant, es war einfach spannend, besser als der spannendste Krimi, weil jeder Tag anders ist. Und da wusste ich, dass ich später mit psychisch erkrankten Menschen arbeiten wolle. Das macht mir sehr viel Freude. Im zweiten Praktikum war ich in der klassischen WFB, Werkstatt für Behinderte Menschen. Dort waren geistig und körperlich behinderten Menschen. Zwar habe ich gemerkt, dass das auch o.k. ist, dass mir das andere aber mehr Spaß macht. Während der Ausbildung habe ich von einem hochprofessionell arbeitenden beruflichen Trainings­zentrum gehört, habe aber während des Anerkennungsjahres, in einer psychiatrischen Tagesklinik, Bürotraining als Arbeitstherapie angeboten.

Später habe ich mich in diesem beruflichen Trainingszentrum beworben. Da wollte ich hin, da dies der Arbeitsplatz schlechthin für einen Arbeitserzieher ist. Die machen genau das, was Arbeitstherapie bedeutet. Da bin ich hin und habe glück­licherweise eine Stelle bekommen. Das war darüber hinaus ge­rade um die Ecke und hat super gepasst. Im Nachhinein bereue ich nichts. Es war die richtige Entscheidung, den alten Job zu kündigen und die neue Ausbildung zu machen. Heute macht mir meine Arbeit sehr viel Spaß. Der tagtägliche Umgang mit den Menschen gibt mir viel und ich verbringe den Großteil des Tages mit etwas, das mir Spaß macht. Dies ist mir ganz besonders wichtig.

Der Umgang in der Arbeit veränderte sich

Der Umgang im Handwerklichen, hatte mir von vornherein nie gepasst. Mich hat zwar der Umgang mit der Elektronik und den Maschinen fasziniert, es hat mir auch viel Spaß gemacht, mich in ein Problem hineinzudenken, einen Fehler zu finden, die Abläufe der Maschinen zu verstehen. Aber der Umgangston und die Leute waren nie mein Ding. Das war sehr derb. Ich habe mich nie richtig Zuhause gefühlt.

Ich habe Situationen erlebt, da habe ich auch mit dem Konstrukteur der jeweiligen Maschine zusammen gearbeitet, dann haben wir gemeinsam an dem Problem getüftelt. Der Chef der Produktion wollte ein neues Produkt einführen und wir mussten die Maschine anpassen. Dann haben wir zwei Tage toll zusammen gearbeitet. Das hat richtig Spaß gemacht. Als es dann fertig war hat es funktioniert. Wir haben zusammen an der Maschine gearbeitet, er hat sein Fachwissen genutzt, ich habe seine Ideen in die Tat umgesetzt und ebenfalls Ideen eingebracht. Das war eine tolle Zusam­mengearbeitet, so etwas kam allerdings selten vor. Das ist der Unter­schied zu heute. Bei meinem jetzigen Arbeitsplatz, ist der Umgang und Kontakt zu meinen Kollegen anders. Das Miteinander und der Austausch stehen im Mittelpunkt. Das war auch bei meinem Praktikum der Fall, da habe ich mich auch sehr gut mit den Mitarbeitern verstanden, die waren auf einer ganz anderen Wellenlänge. Das ist auch heute noch so. Das liegt mir mehr, da fühle ich mich wohler, das ist angenehmer für mich. Ich will die andere Arbeit gar nicht bewerten, der Umgangston im Handwerk ist sicherlich auch negativ, aber sehr anders. Damit konnte ich einfach nicht so gut umgehen.

Neue Arbeit

Ich arbeite mit Menschen, das ist schon mal anders, da man nicht so konkret sieht, was dabei herauskommt, das kann man meist nur im Rückblick erkennen. Im Trainingszentrum ist die Sachlage die, dass die Menschen Hilfe suchen und in der Vergangenheit Verhaltensmuster an den Tag gelegt haben, die sie an ihre Grenzen geführt haben. Diese Menschen sind krank geworden und durchlebten große Krisen. Ihnen versucht man neue Verhaltensweisen beizubringen, sodass ...

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