Apothekerin

Dass man mit einer Apothekerin nicht unbedingt ein Pharmaziestudium verbindet und dies mehr ist, als nur Medikamente über den Tisch zu schieben, davon weiß diese Frau zu berichten. Und aus demselben Grund ist der Beruf auch kein langweiliger, sodass Abwechslung und viel Kontakt mit den Kunden zum Alltag gehört. Und sie hat auch erfahren, dass man als Apothekerin viel für sein privates Leben mitnimmt und das Wissen über Krankheiten immer wieder von Vorteil ist.

Das Interview findet abends in einer Apotheke einer Kleinstadt statt. Die Interviewte ist Mitte dreißig, verheiratet und hat zwei Kinder.

Meine Mutter hat schon Pharmazie studiert, von daher wusste ich, was auf mich zukommt, und etwas in der Richtung Medizin beziehungsweise Naturwissenschaften hat mich schon immer interessiert. Ursprünglich wollte ich Physik studieren, davon hat man mir als Frau aber abgeraten, das sei nicht so einfach. Also habe ich dann Pharmazie studiert - das ist ja der „Rundumschlag". Das Studium ist so vielfältig und die Möglichkeiten, die man nach dem Studium hat, ebenfalls. Als ich noch studiert habe, hatte ich noch keine Kinder und wollte erst mal ins Ausland und in die Forschung. Das war das, was ich eigentlich gerne gemacht hätte, später kamen dann aber die Kinder dazu. Was ich an diesem Job jetzt reizvoll finde ist, dass man viel mit den Kunden Kontakt hat und viel im Gespräch erfährt und durch dieses Gespräch auch wiederum viel über sich selbst. Manchmal liest man etwas dann nochmal genauer nach, wenn es einen interessiert. Und meistens betrifft dies einen dann auch und ich finde es gut, wenn man sich im Bereich Krankheiten auskennt. Und in meiner Apotheke war es früher so, dass man ein Rezept vom Arzt hatte und darauf die Medikamente abgab. Jetzt hat man viel mehr Spielraum, was homöopathische oder pflanzliche Arzneimittel angeht, die vom Arzt überhaupt nicht mehr verschrieben werden. So kann man sich dann selbst ein bisschen profilieren. Vor dem Kunden ist das Ansehen des Berufes gestiegen, nämlich dass der Apotheker auch Ahnung hat. Aber das ist logischerweise auch mehr Arbeit und eben nicht mehr nur Medikamente über den Tisch schieben.

Das Studium ist harte Arbeit - ein Privatleben muss zurückstehen

Also vom Namen her wissen die wenigstens, dass das Pharmaziestudium mit dem Beruf des Apothekers zu tun hat. Wenn man das sagt, können sich, glaube ich, die meisten nicht viel unter dem Studium vorstellen. Bei Apothekern denken die Leute, dass man bei diesen einfach ein Rezept abgibt, wo ein Medikament drauf geschrieben steht, und der Apotheker dieses nur ausgibt. Dass man dafür Pharmazie studieren muss, ist den Leuten vielleicht bekannt, aber ich glaube nicht, dass sie verstehen, warum man dafür studieren muss. Es gibt ja Diskussionen darüber, ob man dies nicht splitten sollte, dass also die Leute, die nur in der Apotheke verkaufen wollen, nur eine Lehre anstatt ein Studium machen müssen. Aber dadurch, dass es noch ein Studium ist, hat man sehr viele Möglichkeiten, zum Beispiel in eine Krankenhausapotheke zu gehen, in die Industrie oder auch in das Lehramt.

Das Studium ist vorwiegend Chemie, es hat nicht so viel mit diesem Beruf zu tun. Im Praktischen hatten wir noch so etwas wie Salben anrühren und wie die Tablettenherstellung funktioniert. Aber das war auch eher auf die Industrie bezogen. Man hatte auch Pharmakologie, also wie die Arzneistoffe auf den Körper wirken; auch Biologie, Mathematik, Physik, eben alles Naturwissenschaftliche. Das Studium war die absolute Hölle - man wird ins kalte Wasser geworfen, zum Beispiel bei der Chemie, sodass im ersten Semester auch einige Unfälle mit Verbrennen und Verätzen passiert sind. Ohne Vorahnung hat man dort teilweise mit Chemikalien zu tun, die Krebs erregend oder so etwas in der Art sind. Während dieses Studiums, das waren vier Jahre, kann man sein Privatleben absolut vergessen. Wir hatten jeden Morgen Vorlesungen von acht bis zwölf, mit kontrollierter Anwesen­heitspflicht, dann eine Stunde Mittagspause und danach jeden Nachmittag ins Labor, bis sechs Uhr abends. Und dann ständig Kolloquien. Wenn man die nicht bestanden hat, konnte man nicht ins Labor gehen. Um sieben Uhr habe ich dann meistens was gegessen und dann bis nachts um zwölf gelernt. Die Klausuren fanden jeweils nach dem Semester statt, bei denen von den dreißig oder vierzig Studenten, die mitstudiert haben, nur zwei oder drei bestanden haben. Der Rest musste zur Nachklausur, sodass auch keine Semesterferien vorhanden waren. Aber wenn man das dann mal bestanden hat, dann ist es OK. Aber man muss wirklich sagen, dass es ein Horrorstudium ist.

Während des Studiums haben mich viele Freunde nicht verstehen können, wenn ich sagte, dass ich nicht mehr zum Handball kommen oder keine Gitarre mehr spielen kann. Aber das ist bei jedem Studium ähnlich, sodass die Leute, die ebenfalls studiert haben, dies auch verstehen konnten. Aber jemand der vielleicht Friseurin oder Bäcker gelernt hat - ich sag das jetzt nicht abwertend - die vielleicht weniger Zeit für ihre Ausbildung investiert haben, können das nur schwer nachvollziehen. Wenn man ihnen dann noch sagt, was man dort gemacht hat, also Chemie und derart, finde ich es auch schwierig das noch mit dem Beruf des Apothekers in Verbindung zu bringen, weil das gar nichts miteinander zu tun hat. Und das, was wirklich wichtig wäre, also zum Beispiel Pharmakologie, die Arzneimittellehre, das kommt im allerletzten Semester. Und was als Apotheker auch noch wichtig wäre, also Kommunikation, Rhetorik, Buchhaltung usw., das muss man sich alles hinterher aneignen, das kommt im Studium nicht vor. Deshalb auch die Diskussionen, ob man das nicht trennen sollte, also bis zum vierten Semester Fächer in Pharmazie für die Industrie, und es dann je nach Wahl in andere Fachgebiete zu trennen.

Das Studium dauert acht Semester, mit drei Staatsexamen, zwei davon nach dem vierten und achten Semester. Dann hat man ein Jahr Praktikum. Das kann man splitten. Man kann entweder ein Jahr lang hier in eine öffentliche Apotheke gehen oder ein halbes Jahr in die öffentliche Apotheke und das andere halbe Jahr in die Industrie oder in die Krankenhausapotheke. Dort kann man dann sehen, was einem liegt und gefällt. Bei der Industrie und der Krankenhausapotheke muss man sich eher formal bewerben. In den pharmazeutischen Zeitungen stehen immer Stellenanzeigen drin, im Internet gibt es Stellenanzeigen, viel läuft auch über Mundpropaganda. Die meisten Apotheker kennen sich irgendwie. Man kann sich auch bei den Fahrern melden, die die Arzneimittel ausfahren, denn die sind nicht nur hier in der Apotheke, sondern fahren überall herum und können das auch weiter verbreiten. Den Vertretern und Lieferanten, die in die Apotheke kommen, kann man das aber auch sagen.

Freie Einteilung der Arbeitszeiten

Das Gute an dem Beruf ist, dass meistens jemand gesucht wird, der auch nur ein paar Stunden pro Woche arbeitet, sodass, wenn der Chef irgendwann mal eine Vertretung braucht, sei es aus familiären Gründen oder weil er mal in den Urlaub geht, noch jemand da ist, der die Apotheke kennt. Deshalb werden solche Leute oft gesucht, und das kann man super mit Kindern verbinden. Man sagt zum Beispiel man kommt vier oder acht Stunden. Ich habe anfangs vier Stunden gearbeitet, und als die Große dann in den Kindergarten kam und die Kleine auch versorgt werden musste, habe ich mir eine andere Apotheke gesucht und noch mal acht Stunden dazu genommen. Man kann das beliebig steigern, und das ist das Tolle. Ich gehe entweder nur vormittags oder nur nachmittags arbeiten, je nachdem, wie ich das schaffe. Es gibt viele Apotheker, die zwanzig Stunden arbeiten, dann welche die arbeiten dreißig, manche aber auch nur vier, das ist ganz individuell. Ich habe auch ein Praktikum in einer anderen Apotheke gemacht, in einem Einkaufszentrum, da sind die Öffnungszeiten bis abends um acht und samstags bis um sechs. Das ist toll, da arbeitet man drei volle Tage und hat bereits seine Stunden für die Woche voll. Dann hat man also drei mal zwölf Stunden gearbeitet und den Rest hat man dann frei für die Familie. In der Apotheke kann man auch samstags arbeiten, was für diejenigen toll ist, die nicht wissen, wo sie Ihre Kinder tagsüber lassen können. So kann man zum Beispiel samstags von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends arbeiten und dann hat man immerhin auch neun Stunden (mit Pause) an einem Tag gearbeitet, diese Möglichkeit besteht. Die Flexibilität als Apotheker ist toll - als angestellter Apotheker.

Viel Bürokratie und Fortbildung, aber wenig Konkurrenzdruck

Ich bin froh, dass ich diesen Beruf gewählt habe, weil er interessant ist, weil sich vieles ändert, man bleibt nie stehen. Und das bringt natürlich auch mit sich, dass man sich ständig informieren muss, es gibt ständig neue Arzneimittel und Therapiewege, sodass man auf dem Laufenden sein muss. Schwierig finde ich, dass viel dokumentiert werden muss, da hat sich vom Gesetz her viel geändert. Man kann also nicht hauptsächlich das Gespräch mit den Kunden suchen, sondern es muss viel im Hintergrund, zum Beispiel der Bürokratie-Kram, erledigt werden. Es muss alles Mögliche dokumentiert werden, wenn zum Beispiel Blutzuckergeräte abgegeben werden, muss viel Schriftwechsel mit der Krankenkasse gemacht werden. Manchmal steht auf den Packungen jetzt nicht mehr N3, man kriegt dann von der Krankenkasse Retaxationen wieder, dass man es nicht abrechnen darf. Das muss dann alles immer bearbeitet werden und das häuft sich. Die Krankenkassen sind sehr pingelig, da geht nichts mehr durch, die gucken alles ganz genau nach. Man muss auch für sämtliche Sachen in der Apotheke Seminare belegen. Wenn man zum Beispiel Stützstrümpfe abmessen will, muss man in ein extra Seminar gehen, man braucht also einen extra Schein. Das war früher nicht so. Es wird auch in Zukunft verlangt, dass die Apotheke einen TÜV ablegt, also zertifiziert wird, und das ist extrem viel Arbeit, da jeder Arbeitsgang aufgeschrieben werden muss. Das häuft sich, aber es muss ja irgendwann gemacht werden. Das sind alles Sachen, die man nicht sieht, wenn man in eine Apotheke hinein kommt und wieder geht. Das muss man dann abends oder in der Mittagspause machen, also die Buchhaltung, die Gehälter usw.

Auch die Seminare werden an die normale Arbeitszeit angehängt. Man muss dies zwar, zumindest in unserer Apotheke, nicht selbst finanzieren, aber man bekommt dafür auch keinen Arbeitsausgleich. Jetzt kommen die Internetapotheke dazu und der Versandhandel, sodass man über das Internet etwas bestellt und dann direkt beliefert wird. Ich kann da nichts Näheres zu sagen, weil das ja unsere Konkurrenz ist, aber es bereitet zumindest Kopfzerbrechen, wie das weiter läuft. Die Apotheke ist beschränkt, also es können nicht beliebig viele Apotheken in einem Ort aufmachen. In meinem Ort gibt es vier Apotheken, da werden aber keine Kunden abgeworben, es wird sich immer abgesprochen, dass nicht die eine zu viel Geschenke gibt oder ähnliches. Auf die apothekenpflichtigen Medikamente gibt es einen Preisvorschlag, die kann ich vielleicht 10 Cent billiger machen, wenn ich günstig einkaufe, aber der ganze Aufwand lohnt sich nicht. Die großen Apotheken, mit achtzig Apothekern als Angestellte, die nicht zwanzig Aspirin einkaufen, sondern fünfhundert, haben andere Konditionen als wir, bei denen ist der Wettbewerb dann vielleicht extremer. Aber ich denke, wenn eine damit anfängt und die anderen Apotheken merken dass, wo führt das hin? Die treiben dann die Preise immer weiter nach unten. Die Apotheker in meinem Ort treffen sich auch regelmäßig und sprechen sich aber, das ist ganz klar geregelt, dass so etwas nicht vorkommt. Es wird auch abgesprochen, ob an Weihnachten Kalender oder Geschenke verteilt werden, sodass man sich dort keine Kunden weg nimmt ...

... diese Berufsgeschichte weiterlesen? Das Buch Berufsgeschichten - Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben gibt es schon ab 5,95 Euro!

 © 2005, 2008 Nick Melekian - Reproduktionen, Übersetzungen, Verbreitung, Weiterverarbeitung oder ähnliche Handlungen zu kommerziellen oder nichtkommerziellen Zwecken sowie Wiederverkauf sind ohne die schriftliche Zustimmung des Autors nicht gestattet.